Bernd Kreis: Ein Sommelier durch und durch

© Alexander Wunsch

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Darf man jemanden als »Sommelier des Jahres« nominieren, wenn er schon seit 15 Jahren nicht mehr im gastronomischen Tagesgeschäft tätig ist? Das Falstaff-Team war sich anfangs unsicher bei der Beantwortung dieser Frage, entschied sich dann aber doch für die Nominierung. Und siehe da: Die Jury stimmte in geheimer, notariell beglaubigter Wahl für Kreis. So ist der Stuttgarter Weinhändler 27 Jahre nach seiner Auszeichnung als Meilleur Sommelier d’Europe nun auch Falstaff-»Sommelier des Jahres« 2019.

Vermutlich hat am Kandidaten Kreis gerade überzeugt, dass er der Berufung zur Sommelerie einen so weit gefassten Ausdruck verleiht. Kreis steht nicht mehr im Restaurant, um Gäste zu beraten. Aber die Art, wie der 55-Jährige Weinhandel lebt, ist Sommelerie mit anderen Mitteln: Sein Sortiment ist geradezu ein kulinarisches Statement. Strunzweine sucht man in diesem Angebot vergeblich. Der rote Faden der Weinauswahl ist stilistischer Anstand: Gefragt sind Winzer, die handwerkliches Können mit einem akzeptablen Verständnis der Naturbedingungen verbinden. Und dadurch Weine erzeugen, die sich auf natürliche Weise als Speisenbegleiter eignen.

Wollte man das typische Kreis-Weingut charakterisieren, könnte man sagen: Es genießt in Fachkreisen höchste Anerkennung, ist nur selten ein großer Star in der Öffentlichkeit, sondern eher die Art von Betrieb, den andere Winzer nennen, wenn sie nach einem beispielhaften Kollegen gefragt werden. So führt Kreis nicht etwa die La La’s von Guigal, sondern die Côte Rôties von Jean-Paul Jamet, die die Wucht der Appellation mit unglaublicher Finesse paaren. Sein Bordeaux-Sortiment kommt völlig ohne klassifizierte Namen aus, stattdessen verkauft Kreis mit Überzeugung Weine wie Le Tertre Rôteboeuf, Clos Puy Arnaud oder den völlig ohne Holzkontakt ausgebauten Margaux Bel Air Marquis d’Aligre. Bei den Herkünften leuchtet Kreis mit Vorliebe auch die blinden Flecken der Wein-Landkarte aus: Cahors und Arlanza, Bairrada und das Traisental.

In Württemberg, wo der gebürtige Hesse seit seinen Jahren bei Vincent Klink in der Wielandshöhe fest verwurzelt ist, ist Kreis nicht nur stiller Betrachter geblieben. Legendär ist eine Stellungnahme Kreis’ im Stuttgarter Landtag, in der er 1996 brandmarkte, dass der Trollinger die besten Lagen Württembergs blockiere. Darauf titelte die Bildzeitung »Sommelier will Trollinger verbieten«, und Kreis bekam sogar Prügel angedroht. Doch der Entrüstung folgte die Einsicht, dass die Diagnose komplett richtig war: Mit dem enormen Arbeitsaufwand, den die Pflege des Trollingers erfordert, lassen sich auch Lemberger und Spätburgunder erzeugen oder andere Sorten mit größerem Potenzial. Wenn heute gerade der Großraum Stuttgart mit erstaunlichen Cabernet-Merlot-Blends aufhorchen lässt, dann ist das auch eine Folge der damaligen Kreis’schen Provokation.

Der Natur vertrauen

Lustigerweise hat allerdings der Trollinger-Kritiker bis vor wenigen Jahren selbst noch etwas Trollinger produziert. Denn schon seit 1994 pflegt er einen Steilhang im Degerlocher Scharrenberg. Auf den 20 Ar wuchs neben Sauvignon Blanc und Cabernet Franc bis zum Jahrgang 2016 noch etwas Trollinger, den Kreis bei Gert Aldinger in Fellbach keltern ließ, die letzten Jahre völlig ohne Schwefelzusatz. Inzwischen ist die Parzelle aber gerodet und mit Cabernet Franc bestockt. »Um den Wein tut’s mir leid«, so gibt der Hobbywinzer über das Ende seines Trollingers zu Protokoll, »um die Arbeit nicht.« Nach Feierabend und am Wochenende kann man Kreis beim Ausbringen des biologischen Pflanzenschutzes mit der Rückenspritze antreffen. Dabei ist er vom ökologischen Weinbau überzeugt: »Ich hab immer nur positive Überraschungen erlebt, drum glaube ich, dass man der Natur viel mehr vertrauen sollte«, so Kreis über seine Erfahrungen als Steillagenwinzer.

Im Mittelalter war der »Sommelier« jener Offizier im Gefolge eines Prinzen, der auf Reisen für Wertgegenstände im Gepäck verantwortlich war. Auch wenn man heute kein gekröntes Haupt sein muss, um Bernd Kreis’ Dienste in Anspruch zu nehmen, scheint diese Berufsbeschreibung recht gut wiederzugeben, was den Falstaff-»Sommelier des Jahres« 2019 auszeichnet. Denn das wachsame Auge für Wertvolles sowie das An-den-richtigen-Ort-Bringen kostbarer Weine sind sein Metier. Immer geht es Kreis dabei um Kulinarik und um gelebte Weinkultur. Er ist ein Sommelier durch und durch.

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Falstaff Nr. 02/2019
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