Bedrohte Diva: Frühburgunder

Unter anderem in Rheinhessen wird Frühburgunder angebaut.

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Unter anderem in Rheinhessen wird Frühburgunder angebaut.

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Mit den Namen der Rebsorten ist es ja so eine Sache. Der Schwarzriesling ist bekanntlich kein Riesling, und der Portugieser hat mit Portugal etwa so viel zu tun wie die Königinnenpastete mit dem Hochadel. Beim Frühburgunder indes verhält es sich anders: Denn er ist sowohl ein Burgunder als auch ausgesprochen frühreif. Die Lese beginnt zwei bis drei Wochen vor jener der Ursprungsrebe aller Burgundersorten, dem passenderweise als Spätburgunder bekannten Pinot Noir.

»Wir haben den Frühburgunder dieses Jahr am 28. August gelesen«, gibt Philipp Kuhn aus Laumersheim in der Pfalz zu Protokoll, dessen Frühburgunder Reserve aus dem kühlen Jahrgang 2013 in der Falstaff-Blindprobe den ersten Platz belegte. »So ein früher Lesetermin ist immer eine logistische Herausforderung, weil unsere polnische Lesetruppe erst viel später anrückt. Da müssen stattdessen die Azubis ran.«

Sieger im Falstaff-Früh­burgunder-Test: Philipp Kuhn aus Laumersheim/Pfalz.
Sieger im Falstaff-Früh­burgunder-Test: Philipp Kuhn aus Laumersheim/Pfalz.

© Andreas Durst

»Der Frühburgunder ist immer schon zu einem Zeitpunkt reif, zu dem wir eigentlich noch gar nicht an Lese denken«, bestätigt auch Johannes Graf von Schönburg, dessen Frühburgunder vom Schloss Westerhaus Rheinhessens Burgunder-Hochburg Ingelheim im Falstaff-Test mit einem zweiten Platz vertritt. »Die Frühburgunder-Lese ist eine besondere Teamleistung. Denn zum einen ist die Erntemannschaft noch nicht da. Und zweitens kann die Lese leicht zu Frust führen, weil man extrem selektieren muss.« Der Frühburgunder nämlich hat noch dünnere Beerenhäute als der Spätburgunder, entsprechend heikel reagiert er im Herbst auf Feuchtigkeit. »Das ist die größte Diva, die man sich vorstellen kann«, so Schönburg. Die Launigkeit der Sorte – unter anderem blüht sie auch unregelmäßig, was von vornherein die Erträge schmälert – hätte fast zu ihrem Verschwinden geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ihre Ertragsfläche bundesweit auf unter 20 Hektar gesunken.

»Als der Frühburgunder aus der Sortenliste gestrichen werden sollte«, erzählt der 29-jährige Julius Wasem, »hat mein Urgroßvater das Weingut unserer Familie als Erhaltungsbetrieb eintragen lassen.« Heute stehen ­in ganz Deutschland immerhin wieder 254 Hektar im Ertrag – und das Weingut Wasem stellt den bemerkenswerten zweiten Ingelheimer Frühburgunder in der »Best of«-Auswahl der Falstaff-Probe: »Wir versuchen, das Marmeladige rauszunehmen«, so Wasem, der sich auch in seiner Geisenheimer Diplomarbeit mit dem Frühburgunder beschäftigt hat, »und ich finde, dass er auch etwas kräftigeren Gerbstoff verträgt.«

Blick auf Schloss Westerhaus, wo majestätischer Früh­burgunder gekeltert wird.
Blick auf Schloss Westerhaus, wo majestätischer Früh­burgunder gekeltert wird.

© Dominik Ketz

Die überreife Frucht, die manchen Frühburgundern anhaftet, hatte vielleicht auch die britische Star-Autorin Jancis Robinson vor Augen, als sie zur Jahrtausendwende im »Oxford Weinlexikon« über den Frühburgunder schrieb: »Eine in Württemberg in sehr geringem Umfang angebaute, früh reifende Abart des Spätburgunders. Ihr Wein ist eine helle, karge Version eines sehr leichten roten Burgunders.« In der neuesten Auflage des­selben Werks klingt das schon anders: ­»… zunehmend hochangesehene, kleinbee­rige Mutation des Spätburgunders.«

An Frische gewonnen

Die von Robinson angesprochene Frühburgunder-Herkunft Württemberg hat heute an Bedeutung verloren, in Württemberg wachsen nur noch weniger als zehn Hektar der dort einst als Clevner bekannten Sorte. Die beispielgebenden Frühburgunder jedoch kommen inzwischen eher von der Ahr, aus Rheinhessen, Franken und aus der Pfalz. So sehr sich auch die Bedingungen in all diesen Gebieten unterscheiden mögen – bei Böden und Klima, aber auch im stilistischen Verständnis der Winzer –, ihnen allen ist doch eines gemein: Es geht mehr und mehr um einen direkten Vergleich des Frühburgunders mit dem Spätburgunder.

Foto beigestellt

»Als wir vor zwanzig Jahren Frühburgunder gepflanzt haben«, sagt Philipp Kuhn, »da wollte ich von Anfang an wissen, ob das Ding dem Spätburgunder ebenbürtig sein kann. Schließlich bin ich ein Pinot-Fan.« In dieselbe Kerbe schlägt auch Ludwig Kreuzberg aus Dernau an der Ahr: »Unser Credo ist, dass der Frühburgunder seinen Platz neben dem Spätburgunder hat, und wir finden das auch immer bei den GG-Proben bestätigt. Sicher, als man den Frühburgunder noch mit 105, 107 Oechsle geerntet hat, da war die Säure weg, und der Weinstil war ein ganz anderer. Aber heute liest man früher und achtet mehr auf die Frische. Zudem kann man durch die kleinen Beeren und das gute Verhältnis zwischen Saft und Beerenschalen auch beim Frühburgunder einen farbintensiveren Wein bekommen.«

»Doch«, fährt Kreuzberg fort, »wir haben heute ein anderes Problem mit dem Frühburgunder. Man muss ihn unbedingt aus den heißen Lagen rausnehmen. Das Große Gewächs aus dem Dernauer Hardtberg, das jetzt bei Ihnen im Test gut abgeschnitten hat, stammt aus einer Südwest-Lage auf 200/250 Meter Höhe am Waldrand. Dorthin habe ich den Frühburgunder 2008 gepflanzt, nachdem ich 2007 im heißen Neuenahrer Sonnenberg schon am 17. August lesen musste. Den Wein konnte man vergessen, weil die Reife einfach viel zu schnell vorangeschritten war. Auch der Frühburgunder braucht eine längere Hängzeit, um Aromen zu bilden.«

Die moderne Vinothek im Weingut Jean Stodden, Rech/Ahr.
Die moderne Vinothek im Weingut Jean Stodden, Rech/Ahr.

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Opfer des Klimawandels?

»Man kann den Frühburgunder nicht mehr in die besten Weinbergslagen setzen«, bekräftigt mit Werner Näkel ein weiterer Könner unter den Burgunderwinzern des Ahrtals. »Der wird dann so früh reif, dass ihn Anfang August schon die Wespen zu attackieren beginnen.« »Und was die Wespen übriglassen, holen die Wildschweine«, pflichtet ihm mit Alexander Stodden ein weiterer Ahr-Winzer bei. Näkel hat vor der Frühreife kapituliert und seinen Frühburgunder im Dernauer Pfarrwingert gerodet. Auf der steil nach Süden abfallenden Parzelle wächst jetzt Spätburgunder. Ist der Frühburgunder also eine Trendsorte? Es könnte sein, dass die Erderwärmung die Karriere des Frühburgunders beendet, bevor sie richtig ins Rollen kommt: »Auf lange Sicht könnte es eine Sorte sein«, so das Fazit von Ludwig Kreuzberg, »die es in Deutschland nicht mehr geben wird, weil es ihr zu warm wird. Da bleibt dann wohl nur noch Schleswig-Holstein«, lächelt der Winzer melancholisch, »oder Süd-Norwegen.«

TASTING FRÜHBURGUNDER

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 07/2017
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