Austro-Designer Klemens Schillinger im Porträt

Der 34-jährige Designer Klemens Schillinger sorgt mit leiser, aber wohldurchdachter Gestaltungskunst für viel Furore in der Branche. Die Garderobe »Oneline« ist aus einem einzigen Stahlrohr gebogen. klemensschillinger.com

© Lukas Ilgner

Der 34-jährige Designer Klemens Schillinger sorgt mit leiser, aber wohldurchdachter Gestaltungskunst für viel Furore in der Branche. Die Garderobe »Oneline« ist aus einem einzigen Stahlrohr gebogen. klemensschillinger.com

© Lukas Ilgner

Wie der Arbeitsplatz aussieht, sagt viel über einen Menschen aus. Im Studio des österreichischen Designers Klemens Schillinger gibt es jedenfalls viel Raum und viel Licht. So viel, dass die loftähnliche Wohnung mitten in Wien-Meidling nicht alleine genutzt wird. »Ich teile mir das Studio mit vier Fotografen«, erzählt der Wiener, der momentan einer der international gefragtesten heimischen Kreativen ist. Auf seiner Kundenliste finden sich so illustre Namen wie Kvadrat, Hem, Rim-Blackberry oder Airbus.

Schillinger führt dann an einem großen Besprechungstisch vorbei, in sein eigenes Büro. Dort sieht es ein wenig anders aus. Chaotischer? Ja, aber auf eine merkwürdig geordnete Weise. Zwischen Skizzen und Notizen stehen allerhand fertige und fast fertige Werkstücke aus seinem Kreativuniversum. Ein lackierter Stuhl mit gebogenen Metallbeinen, die an Bugholz erinnern und die Wiener Kaffeehausstühle der Jahrhundertwende zitieren. Und auf dem Schreibtisch liegen zwei seiner »Substitute Phones«. Damit gelangte der 34-Jährige, der in Graz Industriedesign studiert hat und sich seinen Feinschliff am Londoner Royal College of Art holte, in die Schlagzeilen. Das Telefon ist nämlich eine Art Entzugsobjekt für Smartphone-Süchtige. Form und Haptik erinnern an das iPhone, allerdings hat das Hightech-Surrogat in eine Rille Steinkügelchen eingearbeitet, die man rauf und runter rollen und scrollen kann. »Der Stein ist für mich so ziemlich das Undigitalste, das es gibt«, erklärt Schillinger und freut sich, dass sein Stück auf so großes mediales Echo stößt – auch wenn dabei der kritische Unterton hinter dem Objekt ein wenig verloren geht. »Natürlich finde ich es gut, wenn ich Leute zum Schmunzeln bringe, aber meine Intention zielt nie auf einen Witz oder eine Pointe ab«, stellt der Designer richtig.

Designsprache Finden

Viel wichtiger ist Schillinger in seiner Designsprache nämlich, eine minimalisierte Form zu finden, die Archetypisches neu interpretiert. »Ich versuche, Objekte zu reduzieren, dabei aber immer eine poetische Ebene einzuziehen.« Ein Ansatz, der beim Betrachter viel Interpretationsspielraum erzeugt und Schillingers Arbeiten in die Nähe von Kunst rückt. Gut zu sehen an seinen Keramikstücken »Vases for Corners and Walls«. Hier wurden Vasen zerstückelt oder – um in der Nomenklatur zu bleiben – um wichtige Teile reduziert und in Form gegossen. Die fertigen Stücke schmiegen sich perfekt an Ecken und Kanten an. 

Ein Gefühl für diese Arbeitsweise zwischen Gestaltungskunst und skulpturaler Aussage bekam Schillinger im Londoner Designstudio von Faye Toogood, die ihren Kreativkosmos genau zwischen Design und Kunst angesiedelt hat. Dort werkte er drei Jahre lang und nahm dabei viel nach Wien mit. »In Fayes Atelier waren wir meist zu zehnt. Ich zeichnete Pläne und stellte Möbel her«, erinnert er sich und ergänzt: »Ich lernte in ­London vor allem, wie Produktionsprozesse optimal ablaufen: von der Kalkulation über die Zeitplanung und den Umgang mit Handwerkern bis hin zur Fertigstellung.«

Keine Langeweile aufkommen lassen

Fertigstellen muss Klemens Schillinger zur Zeit übrigens einiges. Ein Boutiquehotel in Rom hat eine schöne Zahl seines metallenen Coffeetable »Pac Metal« in Auftrag gegeben. Der Witz dabei: Aus der Tischplatte wurde ein Kreissektor herausgefräst. Das Tischlein erinnert so an den 1980er-Jahre-Computerspiel-Klassiker Pacman. Damit er nicht einfach umfällt und plötzlich Game over ist, sorgen schwere Steinplatten, die in den Tisch integriert sind, für Stabilität. 

Der Tisch ist eine von vielen Metallarbeiten in Schillingers Portfolio. »Ich arbeite gerne mit Materialien, die etwas Echtes und Authentisches transportieren, und will, dass man am Ende noch erkennt, welches Material verwendet wurde. Das kann natürlich auch Holz, Stein und Glas sein.« Oder auch Wellblech, wie bei der formvollendeten Garderobe »Ripple«, die Schillinger für Hem gestaltet hat und die sich wie eine Welle ins Unendliche verlängern ließe. »Ich mag es, wenn Dinge rau und gleichzeitig sanft sind – so wie Wellblech.« Inspirieren ließ sich Schillinger dafür übrigens vom französischen Architekten Jean Prouvé, einem seiner Helden aus Architektur und Design. Prouvés Standardwerk »Die Poetik des technischen Objekts« ziert nämlich ein Wellblech-Cover.

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