Architektur im Grünen

© kentauros yasunaga

© kentauros yasunaga

Es sieht aus wie eine geschlossene Tür«, sagt Joos. »Doch sehen Sie, wie das Licht durch die Spalten scheint!« Dann schiebt die rüstige Niederländerin die Wand aus dünnen Holzlatten beiseite und steht mit einem Schritt mitten auf einer Blumenwiese zwischen summenden Bienen. »Manchmal hoppeln auch Kaninchen vorbei!« Gemeinsam mit ihrem Mann Paul bewohnt Joos ein Haus auf dem Land, das von außen eher einer Scheune ähnelt. Kein Wunder: Architekt Julius Taminiau, der den früheren Kuhstall umgebaut hat, taufte das Ergebnis »Potato Shed House« und bezeichnet es als ein Denkmal der Sparsamkeit. 

ZWISCHEN INNEN UND AUSSEN

Ganz so ärmlich geht es hinter der fast komplett geschlossenen Holzfassade allerdings nicht zu. Das Licht dringt schmal durch die Spalten, und schiebt man die darin getarnten Fensterläden beiseite, strömt es breit durch die großen Fenster. Ein Haus, gemacht für die Kommuni-kation zwischen innen und außen, zwischen Wohnen und Garten.

Wohnen im Grünen: Die Erfahrung mit der Corona-Pandemie hat diese alltägliche Situation mit Bedeutung aufgeladen. Glücklich, wer zur Selbstisolation mehr als nur ein Sofa hat. Jeder Balkon, jede Dachterrasse ist Gold wert, und jeder Garten unbezahlbar. 

So global wie dieser Realitätsschock, so global auch die Möglichkeiten, Wohnen und Natur zu kombinieren. Mag auch nicht jeder daran teilhaben, so ist es doch ein Hoffnungsschimmer für das Leben »danach«. Eine Renaissance des naturnahen Wohnens ist schließlich nicht unwahrscheinlich. Ideen dafür gibt es reichlich – erst recht, wenn man sich auf lokale Traditionen besinnt.

Das muss nicht immer ein Kuhstall sein, auch ein Hopfenturm eignet sich wunderbar. Moment, ein was? Ein Oast House, wie es in der englischen Grafschaft Kent einst zum Trocknen von Hopfen diente, nahm sich das Architekturbüro ACME zum Vorbild für ein Einfamilienhaus: fünf ineinandergeschobene Türme, mit farbigen Schindeln verkleidet. »Die traditionellen Oast Houses sind fast wie Festungen, sie schließen sich ab«, erklärt Architekt Friedrich Ludewig. »Wir sind einen anderen Weg gegangen.« Die fünf Türme verschmelzen räumlich ineinander und bieten immer neue, verlockende Ausblicke ins Grün.

Die traditionellen Oast Houses in Kent sind fast wie Festungen, sie schließen sich gegenüber der Natur ab. Wir sind einen anderen Weg gegangen.

Friedrich Ludewig Architekt und Direktor von ACME

ERDIGE FARBEN

Ganz naturnah in erdigen Farben kommt das Ferienhaus daher, das Taller Hector Barroso für eine Familie in Avandaro, 150 Kilometer westlich von Mexiko City, gebaut hat. Gefärbter Beton, Holz und Lehm sind hier erst auf den zweiten Blick unterscheidbar, so stark sind sie farblich angeglichen. Das Ergebnis ist fast klösterlich-meditativ, ein idealer Rahmen, um sinnierend in die üppige Natur hinauszublicken.

Andere öffnen sich der Natur noch weiter – so weit, bis sich das Haus fast im Grün auflöst. So wie ein Haus in Vietnam, das eigentlich nur als erweitertes Esszimmer geplant war: Da die feierfreudige Familie zu Hause zu wenig Platz für Gäste hatte, ließen sie ein »Banquet House« bauen, eine große Halle, in der tropische Pflanzen das kulinarische Get-together umrahmen, das
sich schwellenlos in den Garten fortsetzt. Zwei Gästezimmer hängen darüber wie Vogelnester.

ine Renaissance des naturnahen Wohnens ist schließlich nicht unwahrscheinlich. Ideen dafür gibt es reichlich – erst recht, wenn man sich auf lokale Traditionen besinnt.

WOHNEN IN KLIMAZONEN

Ein Blick in die Zukunft: Wie leben wir, wenn es zur kompletten Vereinigung von Wohnen und Grün kommt?  Vielleicht wie im Greenhouse as a Home, das 2018 für die Taoyuan Agriculture Expo 2018 in Taiwan entwickelt wurde. Hier sind die Wände komplett aufgelöst und der Grundriss nicht nach Wohnen, Schlafen, Essen eingeteilt, sondern nach Klimazonen: von dunkel, feucht und kühl bis zu trocken und warm. Wenn wir nach der Selbst-isolation in einer neuen Welt auftauchen, wäre diese nicht die schlechteste.

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