Alles über Fake

Die »Ziggi Lamp« von Studio Cheha sieht aus wie eine Illusion – ein Fake?!

© Studio Cheha

Die »Ziggi Lamp« von Studio Cheha sieht aus wie eine Illusion – ein Fake?!

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Fake ist in aller Munde. Wir danken dies Donald Trump. Dem Mann, der Fake News zur neuen Wahrheit erhoben hat, die nun der Weltpolitik die Richtung weist. Der Lügen »Alternative Fakten« getauft hat und demonstrative Unmoral erfolgreich als überlegene Moral verkaufen konnte. Daraus, ebenso wie aus Trumps Frisur und Wohnstil, könnten wir schließen, dass das Prinzip der Fälschung über das Realitätsprinzip den Sieg errungen hat. Doch auch das Gegenteil ist wahr, denn gewonnen hat Trump mit der Authentizität seiner Persönlichkeit: Unbeeindruckt von den vernünftigen Erfordernissen eines Erwachsenen-Ich, entfahren diesem Weltherrscher ungefiltert die Äußerungen und Handlungen eines narzisstischen Kleinkinds. Sein Wunsch ist ihm Befehl. Nie zuvor hat eine öffentliche Person mehr ihrer inneren Wahrheit gezeigt. Diese war es, die über die äußere Wahrheit triumphierte. 

Wahrheit ist eine Kategorie für Aussagen, Echtheit für Objekte. Trump sagt souverän die Unwahrheit und wirkt genau deshalb echt als Identifikations­objekt. Die protzig antikisierenden Kitschmöbel seiner privaten Residenzen sind unecht, wenn man sie mit echten Antiquitäten vergleicht. Ob sie jedoch lügen, indem sie ernsthaft vorgeben, alte Möbel zu sein, muss bezweifelt werden. Einerseits, weil im amerikanischen Kontext einer neureich-hollywoodesken Selbstinszenierung ohnehin niemand glauben wird, es mit Echtem zu tun zu haben.

»Trump sagt souverän die Unwahrheit und wirkt genau deshalb echt als Identifikations-objekt. Nie zuvor hat eine öffentliche Person mehr von ihrer inneren Wahrheit gezeigt.«

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen. 

Foto beigestellt

Andererseits, weil aktuell in so gut wie allen Lebensbereichen der Fake vom Echten nicht mehr unterschieden werden kann, oder ihm gar den Rang abgelaufen hat.

Während die Preise für Antiquitäten sinken, erfreuen sich De­signobjekte wachsender Beliebtheit, die eine Vorgeschichte faken, ohne dabei auf Geschichte oder auch nur Geschichten zurückgreifen zu müssen. In der Jeans-Mode wie im Interieur hat der industriell gefertigte Shabby Chic alle Bezüge zu echten Vergangenheiten abgestreift. Weder der Glaube an den Wert eines Originals noch die nostalgische Sehnsucht nach einer zurückliegenden Epoche oder auch nur die ironisch gebrochene Erwärmung für die Kitschigkeiten der eigenen Kindheit sind nötig, um den zerkratzten und abgeblätterten Fabrikaten Bedeutung und Wert zu verleihen. Zerrissene Jeans behaupten gar nicht, vor dem Kauf lange getragen worden zu sein. Künstlich verschlissene Möbel beziehen sich nicht auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Stil. »Kontemporismus« heißt der neue Trend zu Spuren, die nirgendwo hinführen. Sie zieren ­Anti-Antiquitäten, die uns von der Last einer unabänderlichen Geschichte und Bedeutung befreien. Erst durch die demonstrative Demontage von Vergangenheit und Zukunft wird es möglich, unsere Gegenwärtigkeit im Medienstrom absolut zu setzen. Pre-washed Jeans und Shabby  Chic verschleifen die traditionelle Differenz von Original und Kopie, echt und fake.

Diese neue Wertorientierung passt recht gut zu den Leittechnologien unserer Zeit. Der Computer ist im Funktionskern eine Kopiermaschine. Das Internet macht alles Vergangene gleichzeitig verfügbar. Die hohe Geschwindigkeit aller Übertragungen rückt die Gegenwärtigkeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Social Media haben das Handy in einen dauerpräsenten Impulsgeber verwandelt, der hier und jetzt dialogisch Aufmerksamkeit spendet und einfordert, ohne dafür eines besonderen Inhalts der übertragenen Information zu bedürfen. Wir leben in einer Präsenzkultur, zu der das Vorher-Nachher-Schema von Original und Kopie nicht mehr passen will. 

Auch das Foto, einst wahrhaftige Lichtspur und Dokument des Vergangenen, ist seit Digitalkamera und Photoshop zu einem Medium legitimer Verfälschung geworden. Programme wie Snapchat, die betrachtete Fotos automatisch löschen, sind die deutlichsten Indikatoren einer verabsolutierten Gegenwart, die im Reiz-Reaktions-Schema kommuniziert und eben deshalb keinen Schaden nimmt, wenn sie Immergleiches wiederholt. Das Selfie braucht gar keine digitale Nachbesserung, um ein Fake zu sein. Wer sich mit Handystick bewaffnet allein oder in Gruppen abbildet, setzt ein falsches Lächeln auf und wirft sich in Jubelpose. Gemeinsam simuliert man, einen Spaß zu haben, vor dem man aber zugleich prinzipiell geschützt ist, während man am Trugbild arbeitet. Längst ist es alltäglich geworden, nicht nur die Außenwelt, sondern auch innere Affekte für mediale Effekte zu faken. Dass es sich bei einem guten Teil der Adressaten um unbekannte Freunde, Fake Follower, die zugekauft wurden, oder gar Likes spendende Roboter handelt, stört dabei nicht, sondern gehört essenziell zu Instagram. Einen Fake zu präsentieren und dafür gefaktes Lob zu ernten ist hinreichend befriedigend, weil im Vollzug dieser Geste der Wunsch nach dem Gespiegeltwerden schon ausagiert ist.

»Pre-washed Jeans und Shabby Chic verschleifen die traditionelle Differenz von Original und Kopie, echt und fake.«

Die Fake-Kultur ist der wahrhaftigste Spiegel einer Gesellschaft, die ihre Substanz, das Geld, von den realen Knappheiten entkoppelt hat. Kredite, die kein Erspartes weiterleihen, sondern aus purem Nichts geschöpft sind, lenken die Politik wie den Einzelnen, mehr auszugeben als man eingenommen hat, um mehr versprechen und als mehr als man ist erscheinen zu können. Der wachsende Abstand zwischen höchsten und niedrigsten Einkommen verdeutlicht sich in gegensätzlichem Fake-Verhalten. Der Begriff Stealth Luxury, abgeleitet vom Tarnkappenbomber, bezeichnet den Trend bei Superreichen, der Allgemeinheit als ärmer erscheinen zu wollen, als man ist. Man verzichtet auf Produkte, die als teuer bekannt sind, und kauft teure Waren, die möglichst unauffällig sind. Nur untereinander kennt und erkennt man sich an eben diesem Stil. Umgekehrt gilt es als Zeichen der Armut, Reichtum faken zu müssen, sei es durch den Erwerb teurer Markenprodukte oder auch deren Fake-Version. 

Am Arbeitsplatz faken wir, ganz authentisch eine Familie zu sein, und nennen es »New Work«. Im Urlaub bereisen wir Orte, deren Einwohner uns abends vormachen, ein seit Generationen verschwundenes Brauchtum bis heute zu leben, oder auch Fake Sights, gefälschte Sehenswürdigkeiten wie Schloss Neuschwanstein in der chinesischen Provinz Liaoning. Wir hüllen schönheitsoperierte Körper in falsche Pelzmäntel, essen Steak aus Tofu, rauchen E-Zigaretten, trinken Kaffee mit Süßstoffpillen. Die wenig enthemmende Wirkung alkoholfreien Champagners können Männer wie Frauen am Ende des Abends immer noch mit einem Fake-­Orgasmus kompensieren. Nur ­eines bleibt uns verschlossen – der Besuch jener Fake Events, die Firmen zwecks Marketing  ohne Orts- und Zeitangaben auf Facebook ankündigen. Doch wer nun glaubt, es hätte das Echte und Wahre vor der Erfindung des Fakes gegeben, irrt. Zum Original wird etwas erst, sobald es gefälscht wurde.

So galten etwa die gläsernen Schmucksteine der Firma ­Swarovski anfangs als falsche Brillanten. Erst seit auch diese gefälscht werden, nennt man sie »Original Swarovski Steine«, vor allem dort, wo sie einem Fake Produkt aufgeklebt werden, um diesem  wenigstens im Detail ein wenig Echtheit zu verleihen. 

Dennoch gibt es sie, die viel­beschworene Authentizität – als Image einer Marke, die über lange Zeit wiedererkennbar und widerspruchsfrei kommuniziert.

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