Alles über die Bloody Mary

Bloody Mary Cocktail

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Vielleicht war der Vater ein flamboyanter Schauspieler, vielleicht auch ein Pariser Immigrant mit Wurzeln in der »Harry’s New York Bar« seiner Heimatstadt, so genau weiß man das nicht. Die Mutter allerdings hieß offenbar Maria. Erfolg hat eben auch im Fall der Bloody Mary viele Väter – oder solche, die es sein wollen. Wer diesen Erfolg bloß mit den Qualitäten des Drinks als Pick-me-up abtut, tut ihm allerdings Unrecht und auch sich selbst nichts Gutes, können doch verkaterte Zungen und Gaumen nur an der Oberfläche des Geschmackserlebnisses kratzen.

Am Anfang war Letzteres aber noch weit von der heutigen Finesse entfernt und der Drink einfach nur zufällig zusammengeleerter Wodka und Tomatensaft. Das zumindest behauptete der eine der beiden selbst ernannten Erfinder des Cocktails, der Schauspieler George Jessel. Dieser war zwar beruflich ein Pechvogel – er lehnte etwa die Hauptrolle im welt-ersten Tonfilm »The Jazz Singer« ab –, aber dafür von den »Roaring Twenties« bis in die 1980er-Jahre ein Fixstern der US-Partyszene.

In seiner Autobiografie »The World I Lived In« datierte Jessel den Moment von Bloody Marys Geburt auf einen Morgen in Palm Beach im Jahr 1927, und zwar ziemlich genau auf 8 Uhr: Da sei die Party des Vorabends noch in vollem Gange, der Alkohol-Vorrat jedoch schon einigermaßen erschöpft gewesen – und außerdem habe sich die Runde entschlossen, um 9.30 Uhr ein Volleyballmatch zu spielen. Grund genug also für einen Pick-me-up. Deshalb habe man zur letzten unangetasteten Flasche gegriffen, einer unbekannten Spirituose, die Jessel als »Vodkee« präsentiert wurde.

Der Schauspieler fand die »ziemlich scharf«, mit einem »Geruch von verfaulten Kartoffeln«. Diesen Geruch habe man mit Tomatensaft »abtöten« wollen, nach der Devise: »Wir haben schon alles andere ausprobiert, Jungs; wir können genauso gut das ausprobieren.« Just da sei auch die Kaufhauserbin Mary Brown Warburton zur Runde gestoßen, und zwar in einem weißen Abendkleid. Auf jenem sei wenig später auch die eben ersonnene Mixtur gelandet, woraufhin sie ausgerufen habe: »Jetzt kannst du mich Bloody Mary nennen, George!« Es gilt ­Giordano Brunos alte Weisheit: Wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden.

Dass man in den USA der späten 1920er-Jahre wenig mit Wodka anfangen konnte und ihn deshalb mit Tomatensaft »abtöten« wollte, ist allerdings eine durchaus glaubwürdige Schilderung: Die Jahre der Prohibition mit ihren illegalen Fuseln haben in den USA eine Skepsis gegenüber klaren Spirituosen hinterlassen, deren Spuren heute noch festzumachen sind. Auf die Prohibitionsjahre geht angeblich auch die Namensgebung für den Cocktail zurück, genauer auf eine Kellnerin namens Mary aus der berüchtigten Kaschemme »Bucket of Blood« in Chicago – und nicht auf Mary Tudor, die als Königin von England durch die Verfolgung von Protestanten denselben Titel erworben hatte.

Die Spur führt nach Paris

Dass Jessels Geschichte bestenfalls gut er­funden war, stand für Vater Nummer zwei, Fernand Petiot, eindeutig fest. Der Barkeeper der »King Cole Bar« im »St. Regis Hotel« in Manhattan hielt in einem Interview mit dem »New Yorker« im Jahr 1964 fest: »Ich habe die Bloody Mary von heute ins Leben gerufen.« Auch wenn er dabei Jessel die Rolle als Geburtshelfer einräumte: »Jessel hat gesagt, er hat sie erschaffen, aber es war in Wirklichkeit nichts anderes als Wodka mit Tomatensaft, als ich sie übernommen habe.«

In anderen Interviews zeigte sich Petiot allerdings nicht mehr so sicher, ob er den Cocktail übernommen oder nicht vielleicht doch gleich selbst erfunden hat – und zwar schon in seiner Heimat Paris in den 1920er-Jahren als Bartender-Lehrling in der dortigen »New York Bar«, die später eben zur legendären »Harry’s New York Bar« mit ihrer Klientel von Ernest Hemingway abwärts werden sollte.

Freilich: Damals wie heute bekommt man ausgerechnet in der »King Cole Bar« nur dann eine Bloody Mary, wenn man einen Red Snapper bestellt – angeblich, weil der damalige Hotelbesitzer Vincent Astor seine Gäste vor »vulgären Assoziationen« schützen wollte. In den meisten anderen Bars dieser Welt bekommt man unter dem Namen Red Snapper die mit Gin gemixte Variante des Cocktails. Wie überhaupt gilt: Die Bloody Mary nach eigenem Gutdünken zu variieren, ist keine Ketzerei, sondern eine Tugend.

Vor allem an der US-Ostküste ist etwa die Zubereitung mit einem oder mehreren Schuss Clam Juice (Muschelfond) beliebt und einen Versuch wert – dann oft unter der Bezeichnung Bloody Caesar. Einen reizvollen Touch verleiht auch die Verwendung von »V8«-Saft oder vergleichbaren sämigen Gemüsesäften statt reinem Tomatensaft in »Uncle Bob’s Bloody Mary«. Die Variationen sind endlos und werden ständig um weitere Spielarten bereichert, auch wenn das Rezept aus der »King Cole Bar« weiterhin mit gutem Grund die häufigste Mischung bleibt.

»Wir haben schon alles andere ausprobiert, Jungs; wir können genauso gut das ausprobieren.« George Jessel »The World I Lived In«

Antwort auf alle Sorgen

Und auch wenn Petiot die Bloody Mary nicht erfunden haben sollte: Populär machte er sie in seinen 30 Jahren hinter der Bar des New Yorker »St. Regis« allemal. Schon ab den späten 1930er-Jahren finden sich vor allem in den Society-Spalten der größeren US-Zeitungen immer wieder Berichte dazu, dass Hollywoodstars und andere Promis auf die neue Kreation schwören. Wenige Jahre später war der Drink bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen und zum Allgemeingut geworden: Schon 1956 pries etwa das biedere »House & Garden Magazine« die Bloody Mary als »Antwort auf alle Sorgen des nächsten Tages«.

Dreifaltige Mary

Dass die Bloody Mary immer für innovative Neuinterpretationen gut ist, beweisen drei spannende junge Barkeeper aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren Variationen des Drinks.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 06/2020
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