http://www.falstaff.de/nd/ahr-winzer-kaempfen-um-ihre-existenz/ Ahr: Winzer kämpfen um ihre Existenz Zwei Wochen nach der verheerenden Flut wird das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

»Wir haben die ganze Nacht auf dem Dach gesessen, im Dunkeln, es roch nach Diesel, und im zwei-Minuten-Takt hörte man die Einschläge, wenn irgendwo in der Nachbarschaft ein Auto oder ein anderer schwerer Gegenstand in eine Häuserwand gekracht ist«. So erinnert sich Paul Schumacher aus Marienthal an die Flutnacht von Mittwoch auf Donnerstag der vorletzten Woche. Auf seiner Website verkauft der Winzer die wenigen geretteten Flaschen mit der schockierenden Aussage »vielleicht wird dies der letzte Jahrgang vom Weingut Paul Schumacher sein«.

Denn wie Dutzende andere Weingüter hat der Winzer keine Elementarversicherung, die für Hochwasserschäden aufkommt. Schumachers Haus steht vermutlich nur deshalb noch, weil ein alter Nussbaum standgehalten hat und wie ein Prellbock gegen die in der Flut treibenden Gegenstände wirkte. Doch das Gebäude ist unbewohnbar, die Straußwirtschaft ein Totalschaden, die Barriques sind ebenso verloren wie Gerätschaften und Fahrzeuge. »Natürlich wollen wir weitermachen und kämpfen darum«, sagt Schumacher, der in den letzten 25 Jahren aus dem Nichts ein Spitzenweingut mit fünf Hektar Reben aufgebaut hat. »Aber ob es reicht? Keine Ahnung.«

Hinweis: Verheerende Lage auch für Gastronomie

Langsam kommt die Müdigkeit

Ähnlich klingt Ludwig Kreuzberga aus Dernau: »Wenn mein Weingut in dieser Situation allein stehen würde, dann würde ich sagen, o.k., das war's, jetzt such’ ich mir nen Job als Weinverkäufer. Aber die große Unterstützung von allen Seiten gibt uns wirklich Kraft, auch wenn sich jetzt nach über zehn Tagen langsam Müdigkeit ausbreitet.«

»Wenn ich nicht, eher durch Zufall, eine Versicherung hätte, müsste ich zumachen«, sagt Marc Adeneuer vom Weingut J.J. Adeneuer aus Ahrweiler. Der VDP-Vorstand des Regionalverbandes Ahr hat gleich nach der Katastrophe vor allem für die Winzerkollegen ohne Versicherung einen Verein gegründet, der international zu Spenden aufgerufen hat: den »Ahr - A Wine Region Needs Help« e.V.(siehe unten). »Das Geld wird allen Weingütern zugute kommen, egal ob VDP oder nicht«, sagt Adeneuer, lässt dann aber auch durchblicken, dass die Spendenbereitschaft zwar gut, aber noch nicht unbedingt sensationell sei.

Große Solidarität unter Winzerkollegen

Adeneuer berichtet aber auch von einem engen Zusammenstehen der Menschen an der Ahr: Zwei-Sterne-Koch Hans Stefan Steinheuer, der in Heppingen am unteren Ende des Tals etwas weniger stark von der Flut betroffen war als die Menschen flussaufwärts, liefert jeden Tag unentgeltlich hunderte Mahlzeiten an Winzer und Helfer im ganzen Tal. Das hoch über dem Fluss oberhalb der Spitzenlage Walporzheimer Kräuterberg liegende Hotel Hohenzollern ist »zu einem Obdachlosenasyl geworden«, wie es Adeneuer formuliert. »An der Rezeption spielen die Kinder der heimatlos gewordenen Familien, und Menschen von Nah und Fern fahren Kleiderspenden hin«. Auch andere Hotels, die überm Hochwasserpegel lagen, hätten sofort alle Zimmer für Menschen freigemacht, die kein Dach mehr überm Kopf haben.

»Und unter uns Winzern ist die Hilfsbereitschaft enorm. Die Kollegen fahren 500 Kilometer, um bei uns mit anzupacken, beispielsweise die Räume von Schlamm zu säubern oder Flaschen abzuspülen«, so Adeneuer weiter. Ein Weingut aus Portugal habe angeboten, kostenlos eine Presse an die Ahr zu schicken. »Und alleine bei uns auf dem Betrieb waren schon Martin Steinmann von Schloss Sommerhausen in Franken, die Gutzlers und Pfannebeckers aus Rheinhessen, und morgen kommt Sebastian Fürst, um uns zu helfen«.

Falscher Mehltau gefährdet Lese

Das größte aktuelle Problem ist für die Winzer, dass auch die 2021er Lese droht verloren zu gehen, denn durch die Feuchtigkeit breitet sich der falsche Mehltau, die so genannte Peronospora, aus. Die Winzer hoffen, dass das Problem durch Spritzungen aus dem Hubschrauber in den Griff zu bekommen ist.

Derweil hat einer der Betriebe, der am schlimmsten betroffen ist, eine Hilfsaktion gestartet, die sehr viel Geld in einen Hilfsfonds spülen könnte: die Genossenschaft Dagernova in Bad Neuenahr. Der Vorstandsvorsitzende Dominik Hübinger erläutert, was der Plan ist: »Formell ist es zwar nicht die Dagernova, die dieses Projekt durchführt, aber es wird über die Dagernova und meinen Schreibtisch abgewickelt. Wir werden bei Kollegen an der Mosel einen Benefizwein abfüllen lassen, leider gibt es an der Ahr nicht mehr genügend Wein für eine solche Aktion.« Jeder in der Wertschöpfungskette werde einen kostenlosen Beitrag zm Fertigstellen des Produkts leisten. »Auch der Handel wird auf seine Marge verzichten«. Praktisch alle großen Player aus LEH und Discount hätten bereits zugesagt, den Wein mit Namen »SolidAHRität« in die Regale zu stellen. Und niemand habe dabei Exklusivität beansprucht. »Aldi zum Beispiel hat gleich gesagt, dass sie kein Problem damit haben, wenn der Wein auch bei Edeka steht.« Als Preispunkt sind 7,49 Euro im Gespräch.

Schicksale

Fast jeder der Bewohner des Ahrtals hat eine eigene Geschichte zu erzählen, wie er in jener fatalen Nacht sein blankes Leben gerettet hat. Ludwig Kreuzberg vom Weingut Kreuzberg in Dernau war selbst im Urlaub, doch seine Tochter und ihr Freund sowie die beiden polnischen Angestellten seien im Haus im Lauf des Abends immer ein Stockwerk höher geflüchtet. Etwa um Mitternacht sei der Kontakt abgebrochen, nachdem alle bereits unterm Dach saßen und seine Tochter im letzten Telefonat noch gesagt hatte: Es riecht nach Gas, wir machen jetzt die Kerzen aus. Erst nach 18 Stunden hätte er wieder Kontakt bekommen und erfahren, dass alle noch am Leben waren. »Das war nicht einfach«, so Kreuzberg.

In der Nachbarschaft, so berichtet Kreuzberg weiter, seien Meike und Dörte Näkel beim Füllen von Sandsäcken vom Hochwasser überrascht worden. Sie hätten sich zunächst ins Zwischengeschoss ihrer Produktionshalle geflüchtet. Doch dann kam es noch schlimmer: Als das Wasser schließlich die Rolltore aus den Befestigungen sprengte und das Hochwasser in einem reißenden Strom durch das Gebäude floss, begann ein leckgeschlagener Tank die Halle mit Gas zu fluten. Als die Schwestern keine Luft mehr bekamen, so Kreuzberg weiter, sei ihnen keine andere Wahl geblieben, als ins Wasser zu springen, auf Treibgut hätten sie sich über Wasser gehalten, und zum Glück hätten sie sich bald an einer Baumkrone festhalten können, bis Hilfe kam.

»Ich habe zwölf Menschen gekannt, die im Wasser umgekommen sind. Jetzt möchte ich einfach nur, dass diese Region als Ganze überlebt«.
Marc Adeneuer

Spendenkonten

Ahr – A Wineregion needs Help e.V.
Kreissparkasse Ahrweiler
IBAN: DE94 5775 1310 0000 3395 07

Der VDP.Adler hilft e.V.
Rheingauer Volksbank
Betreff: Solidarität Ahr Weinbau
IBAN: DE 21 5109 1500 0000 2045 28.  

Wine Saves Life e.V.
(auf Initiative von Vinissima - Frauen & Wein e.V.)
Nassauische Sparkasse 
IBAN: DE24510500150135177776

Weinpakete von unterstützenden Winzern aus Deutschland und Österreich
(auf Initiative von Dirk Würtz)
Bestellung über Weingut St. Antony

 

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