Meine beste Mitarbeiterin schaut mich streng von der Seite an. »208 Tage waren Sie letztes Jahr unterwegs!«, zitiert sie aus den fertiggestellten Steuerunterlagen. »Davon 14 Nächte im Flugzeug, der Rest meist im Ausland!« Ich murmle etwas davon, dass man sich seine Meilenkarte eben ehrlich und schwer erarbeiten müsse.
»Macht dir das eigentlich Spaß, dieses unstete« Leben, muss ich mir oft von meinen Freunden anhören – die mir im Übrigen vorwerfen, den Grad der Freundschaft nach der Nähe zum jeweiligen Flughafen zu bewerten.

Meine dreijährige Tochter zeigt bei jeglichem Flugzeuglärm gen Himmel und sagt: »Da ist der Papa …!« Und die geliebte Frau meint zu später Stunde ganz frech, dass wir wohl gerade wegen meines umtriebigen Lebenswandels noch so frisch verliebt seien. »Diese zwölf Jahre«, doziert sie mit einem Lächeln, »sind ja eigentlich nur vier Jahre netto!«

Köln
Aber ehrlich: Nur in meiner Wahlheimat Köln herumzulungern würde mir auch nur begrenzt Freude bereiten. Und wenn man für internationale Unternehmen arbeitet, dann lässt sich Reisen eben nicht vermeiden. Der Ne­beneffekt dieses Nomaden-Daseins: Man macht die schönsten, aber auch die schlimmsten Erfahrungen – semper et ubique, immer und überall auf dieser Welt.

Peking
Wer einmal ein ganz normales Geschäftsessen in Peking »genossen« hat, weiß, was ich meine. Nach stundenlangem Business-Talk geht es wieder einmal zum Dinner ins »Media Hotel«. Das ist so ein staats­eigener, schrecklicher Beherbergungsbetrieb mit angeschlossener Restauration. Wie der Na­me schon sagt, den Journalisten und Medienleuten in sozialistischer Freundschaft gewidmet.

Ab 18 Uhr – so zeitig beginnt in China das Abendmahl – wird die übliche Peking-Ente serviert. Entenzunge, Entenfüße, Entenmagen, Entenleber, alles kalt bis lauwarm, zum Teil halbroh. Igitt! Selbst für Menschen mit einem für Fremdländisches aufgeschlossenen Magen eine Überwindung. Dann die Entenbrust als Höhepunkt: leider fetttriefend und mit zäher, gummiartiger Haut.
Warum nur muss ich ausgerechnet dort essen?, denke ich mir. In Peking gibt es eine durchaus erschwingliche Restaurantkette, die Besseres auf den Tisch bringt als die meisten teuren Business-Hotels – »Dadong Roast Duck« heißt sie. Der beste Laden ist in Dongcheng (Tisch im Obergeschoss bestellen), nicht weit vom Platz des Himmlischen Friedens.

Dong Zhenxiang, der Eigentümer, hat die – beinahe – fettfreie Entenbrust erfunden. Die Viecher werden gebraten, kurz vor dem Fertigwerden wird die Haut abgelöst, das Fett (das ja zum Braten wichtig ist, damit der Vogel nicht trocken wird) weggestrichen und dann die Haut sozu­sagen wieder vorsichtig »angeklebt«. Zurück geht’s in den Riesenbräter und dann – hur­tig, hurtig – an den Tisch. So ­schmeckt die Peking-Ente großartig, wenn man sie später klein geschnitten, mit brauner Soße und grünem Lauch in den dünnen Brotfladen rollt und dann genüsslich zubeißt.
Wenn meine chinesischen Freunde diese Kolumne zu lesen bekommen, kann mir zweierlei passieren: Entweder ich bekomme wegen unstatthafter Systemkritik Einreiseverbot auf Lebenszeit, oder sie laden mich nächstes Mal freiwillig ins »Dadong Roast Duck« ein. Ich hoffe auf Zweiteres.

Frankfurt
Bei all den Kalamitäten mit der Fliegerei (vom länglichen Sicherheitscheck bis zur Luftraumüberlastung) haben Sie nicht wieder Lust auf die Bahn bekommen? Ich schon. Also nix wie rein in den ICE, von München nach Frankfurt in drei Stunden. Auch nicht viel mehr als mit dem Flieger, die endlosen Fahrten von und zum Flughafen inbegriffen, denke ich.

Die erste Erfahrung ist positiv: der grüne Tee kostet € 2,90, preis­werter als bei den Billigfliegern – und die Hälfte vom Bayerischen Hof. Dann aber, endlich in Frankfurt, ich will aussteigen. Geht nicht. Die Türen lassen sich nicht öffnen. Wie ich hasten Dutzende Passagiere in den vorderen Teil des Zuges. Dort funktioniert die Türautomatik offensichtlich – doch zu früh gefreut. Als wir atemlos ankommen, fährt der Zug auch schon wieder an, die Notbremse getraut sich niemand von uns zu ziehen.

Die arme Schaffnerin weint ob des Grimms der Passagiere, weiter geht’s nach Mainz. Dort bekommt der Zugsführer die Türen in den Griff. Endlich in Freiheit, wir können aussteigen und mit dem nächsten Zug zurückfahren. War doch harmlos, scherzt einer, schließlich sind wir ja nicht kollabiert wie diejenigen im Sommer, bei denen die Aircondition ausgefallen war.

Rovinj
Und noch eine Geschichte, die den Adrenalin-Spiegel abrupt ansteigen lässt. In der wunderschönen Altstadt der istrischen Hafenstadt Rovinj hat sich ein kleines, aber feines Restaurant angesiedelt, das von einem österreichischen Guide auch ohne viel Federlesens behaubt worden ist.

»Monte« heißt es, aber den Namen – so viel kann ich vorwegnehmen – kann man getrost vergessen (und die Adresse werden Sie hier auch vergeblich suchen). Wir wollen testen, ob der Ruf verdient ist. Zwei Sieben-Gänge-Menüs für die Erwachsenen werden bestellt und Fünf-Gänge-Menüs für die Kids. Man lässt sich ja nicht lumpen.

Doch Madame, offensichtlich die Frau des Chefs, und später der Küchenchef selbst sind ­lauthals damit nicht einverstanden. Menü gibt’s nur für den ganzen Tisch, also die Kinder müssten schon auch die sieben Gänge ­bestellen. Die Kinder? ­Sieben Gänge? Uns fällt bei so viel Hochmut nur ein Gang ein: ­Abgang!

Vielleicht sollte der vorgebliche Spitzenkoch einmal Nachhilfe
bei einem richtigen Top-Chef nehmen.

Im vergangenen Jahr bei Madame Pic, Frankreichs einziger Drei-Sterne-Köchin, in Valence auf  dem Weg in den Süden: dieselbe Situation, das gegen­teilige Ergebnis. Die Oldies be­kamen ein traumhaftes siebengängiges Menü serviert, für die Kinder kreierte Madame ein ­eigenes Menü mit Gänseleber, Steak frites und Schoko-Parfait. Und der Clou: Das Kinder-Essen war »gratuit«. »Von den Kindern werden wir – hoffentlich – in ein paar Jahren ­leben«, meinte die Ausnahmeköchin nachher vergnügt. Zu einem Spitzengastronomen gehört eben nicht nur gute Küche, sondern auch Herz und ­Verstand.

von Hans Mahr

aus: Falstaff Deutschland 01/10

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