40 Jahre Falstaff: Winzer die Geschichte schrieben

Gipfeltreffen auf höchster Ebene: Robert Mondavi und Josef Jamek (l.), zwei wahre Legenden, genießen bei einem Glas Riesling den Blick von der Ried Klaus auf die Wachau.

© Herbert Lehmann

Jamek Mondavi

Gipfeltreffen auf höchster Ebene: Robert Mondavi und Josef Jamek (l.), zwei wahre Legenden, genießen bei einem Glas Riesling den Blick von der Ried Klaus auf die Wachau.

© Herbert Lehmann

Ein Name steht in Österreich symbolisch für den klassisch trocken ausgebauten, finessenreichen Weißwein, der ab den Achtzigern das Leitbild der Spätlese als bester Wein ablöste: Josef Jamek aus Joching entschied sich früher ­als andere, auf jede Form der Zuckeranreicherung seiner Weine fortan zu verzichten. Seine behutsame, eigenständige Vinifika­tion bestach durch minimalen Einsatz von Schwefel und durch meisterhaft eingesetzten biologischen Säureabbau. Jamek, der 2011 verstorbene Doyen des Wachauer Weinwunders, hat vieles vorgelebt, was ­bei der Gründung der »Vinea Wachau« ­als verpflichtend für alle Vereinsmitglie­der festgeschrieben wurde.

In den Neunzigern stieg dann eine Vierergruppe zu lichten Höhen auf: Toni Bodenstein, Franz Hirtzberger, Emmerich Knoll und Franz Xaver Pichler sorgten bei internationalen Vergleichsproben mit ihren Riedenweinen aus den Ausnahmelagen Achleiten, Singerriedel, Schütt und Kellerberg für viel beachtete Erfolge.

Wachau, Kamptal, Kremstal, Weinviertel und Wien

Im Kamptal setzte der frankophile Willi Bründlmayer unübersehbare Akzente, im Kremstal zählt Gerald Malat zu den Vorreitern hochqua­litativer Weine, darunter auch beachtliche Rotweine und Sekte. Martin Nigl aus Senf­ten­berg zählte mit seinem Riesling und Grü­nem Veltliner »Privat« ebenfalls früh zum Kanon der gesuchten Weißweineproduzen­ten. Die Weine der auf »Freie Weingärtner Wachau« umbenannten Winzergenossenschaft Dürn­stein durften ebenfalls auf kei­ner gepflegten Weinkarte fehlen.

Die Weine der Kommende Mailberg zeigten das Po­tenzial des Weinviertels, hier entstanden die ersten Barriqueweine Niederöster­reichs, Roman Pfaffl aus Stetten sollte ­die Zukunft des größten Weinbaugebiets maß­­geblich prägen. In Wien dominierte ­die Heurigenkultur, im Hintergrund stellte Franz Mayer längst die Weichen für Topqualität, der junge Fritz Wieninger erkannte früh das Potenzial der Wiener Rieden. 

Das Burgenland zieht nach

Im Burgenland blieb in den vergangenen Dekaden buchstäblich kein Stein auf dem anderen. Alois Kracher machte den See­­winkel zu einem zweiten Kompetenzzentrum in Sachen edelsüße Weine, und langsam, aber sicher begann sich das Burgenland zudem vom Weißwein- in ein Rotweinland zu verwandeln. Namen wie Hans Igler, Georg Stiegelmar und Anton Kollwentz, die den Barriqueausbau der heimischen Rotweine vorantrieben, stehen am Anfang dieser tollen Entwicklung, die von einer top ausgebildeten Schar junger Winzer aus Gols, am Leithaberg, im Mittelburgenland oder am Eisenberg weiter vorangetrieben wurde.

Bald galten Velichs Chardonnay »Tiglat«, Gernot Heinrichs »Salzberg«, Nittnaus’ »Comondor«, Pöckls »Admiral«, Triebaumers »Mariental«, Kollwentz’ »Steinzeiler«, Gesellmanns »Bela Rex«, Kerschbaums »Impresario« und Krutzlers »Perwolff« als Kultweine. Die Falstaff-­Rotweinprämierung hatte seit 1980 diese Entwicklung mitgeprägt und das Image des hei­mischen Rotweins stets unterstützt.

Steirisches Weisswein-Wunder

Die steirische Landesausstellung 1990 zum Thema Wein rückte erstmals die Winzer des Südens in den nationalen Blickpunkt. Gerade die leichtfüßigen, rassig-duftigen Weine der Südsteiermark entsprachen in hohem Maße dem Weißweinbild, das die Konsumenten nach dem Weinskandal suchten. Vorbereitet von Pionieren wie Wilhelm Sattler senior und Franz Hirschmugl setzte nun eine innovative kleine Gruppe, aus der schließlich die STK-Winzer mit Manfred Tement an der Spitze hervorgingen, das Potenzial der besten Lagen um.

Bis zum heutigen Tag stellt Tements Zieregg, der Nussberg von Gross, der Hochgrassnitzberg von Polz oder ein Welles von Lackner-Tinnacher den Maßstab für höchste steirische Weißweinkultur dar. Eine junge Riege, vom Vulkanland im Osten bis zur Weststeiermark, ist diesen Vorbildern gefolgt. 

Einfluss aus Frankreich und Italien

Österreichs liebste Importweine kommen aus Italien und Frankreich. In der Toskana lösten Familien wie die Antinoris, Frescobaldis oder Biondi Santis ebenso eine Hausse an neuen Spitzenweinen aus, wie es Angelo Gaja als Spiritus Rector des Piemont tat. Im Norden trat Alois Lageder als Reformer des Südtiroler Weinbaus in Erscheinung, auf Sizilien übernahmen die Planetas diese Rolle.

All jene zu nennen, die in Frankreich die letzten Jahrzehnte geprägt haben, sprengt ebenfalls den Rahmen, pars pro toto sei aber eine Auswahl der prägendsten Winzerpersönlichkeiten genannt: In Bordeaux waren neben Vertretern pro­minenter Adelsfamilien, wie etwa Philippe de Rothschild von Mouton oder Eric de Rothschild von Lafite, vor allem »Weingut-Regisseure« wie Paul Pontallier auf Margaux oder Pierre Lurton auf Che­val Blanc und Yquem Qualitätstreiber.

Am rechten Ufer ist der legendäre Winzer und Händler Christian Moueix ein Vorbild für viele, Jean-Luc Thunevin wurde zum »Godfather der Garagenwinzer«, Stephan Neipperg kreierte mit »La Mondotte« einen neuen Wein der Superlative. Im Burgund beherrschten Kaufmanns­familien wie Drouhin, Bouchard oder Leflaive das internationale Geschehen. Aubert de Villaine machte die Domaine de la Romanée-Conti endgültig zum Superstar, während ­die Domaine Coche-Dury die weiße Burgunder-Szene dominiert.

Globale Doyen-Power

Nicht nur höchste Qualitätsansprüche und Innovation zeichnen die wahren Meisterwinzer auf internationalem Niveau aus. Sie haben es auch verstanden, ihren Namen zu einer Weltmarke zu entwickeln und dafür neben den Premium-Weinen, die im Ram­penlicht stehen und das Image der Marke stärken, auch Weinlinien zu entwickeln, die in sehr guter Qualität und großer Menge zu den Konsumenten aller Schichten durch­dringen.

Während Château Mouton-Rothschild, Tignanello oder Opus One auf den feinen Tafeln der Top-Restaurants genossen werden, steht Baron Philippe de Rothschilds Serie Mouton-Cadet heute freundschaftlich vereint neben Chianti Classico von Marchesi Antinori und Cabernet Sauvignon von Robert Mondavi in jedem gut sortierten Supermarkt Europas und dem Rest der Welt. Die Doyens wissen um die Macht einer starken Marke, und diese wird auch durch gezielte Maßnahmen gestärkt und gepflegt.

Zeitalter der Allianzen

Und um die Wirkung der Marken in andere Kontinente zu übertragen, die als Zukunftsmärkte betrachtet werden, ist es ­in den letzten Jahrzehnten zu einigen er­staunlichen Allianzen unter gekommen. ­Als der gewiefte Robert Mondavi den visionären Baron de Rothschild in Bor­deaux besuchte, um ihn zu einem Joint Venture in Kalifornien zu bewegen, er­kannte dieser sofort die Win-win-Situation eines derartigen Projekts. Der Kalifornier hatte mit dem schließlich daraus resultierenden Wein namens »Opus One« stets ­den europäischen Markt im Visier, während der Franzose das Potenzial für eine verstärkte Präsenz auf dem immer stärkeren US-amerikanischen Markt erkannte.

Diese Art der Außenpolitik der Doyens wurde in ande­ren Ländern fortgesetzt. In Lateinamerika entstanden so aus Kooperationen mit den führenden Köpfen Chiles und Argentiniens wichtige Vorzeigeweine wie der »Caro« (Baron Eric de Rothschild von Lafite und der Doyen Nicolas Catena, Argentiniens Spitzenwinzer), der »Almaviva« (Philippine de Rothschild mit Concha y Toro) oder der »Senã« (Robert Mondavi mit Chiles Doyen Eduardo Chadwick von Errazuriz). »Back to the roots« hieß es wiederum, als sich Robert Mondavi, dessen Vater aus Italien ausgewandert war, an der Tenuta dell’Ornellaia in der Toskana beteiligte, wo Lodovico Antinori die Superweine Ornellaia und Masseto entwickelt hatte. Aus einem Joint Venture zwischen Mondavi und Marchese Vittorio de Frescobaldi entstand in der Toskana der Supertoskaner »Luce«, der auf dem amerikanischen Markt große Popula­ri­tät erreichen sollte.

Es ist ein Zeichen von Weitblick und Größe, wenn man sich als Marke des Mittels der Kooperation bedient, wo dies sinnvoll ist. Peter Gago, Chef von Penfolds und Botschafter des australischen Weins, entschied sich vor einigen Jahren gegen eine eigene Schaumweinproduktion und für eine Zusammenarbeit mit einem bekannten Champagnerhaus. Der Thiénot & Penfolds Champagner wird zur Gänze in der Champagne erzeugt und wur­de in Australien schlag­artig ein Renner. 

Ein mächtiges Duo

Doyens in der Weinwelt spricht, sollte man auf zwei Namen nicht vergessen. Da wäre einmal der US-Weinkritiker Robert Parker, der mit seinen Kommentaren und Punkten enormen Einfluss auf die Marktentwicklungen der letzten Dekaden genommen hat. Parker wurde – wohl zu Recht – nachgesagt, er habe mit seinen Bewertun­gen sogar den Stil speziell von Rotweinen, und da vor allem in Bordeaux, nachhaltig beeinflusst. Opulent, kraftvoll, dunkel, mit viel Holz und Tannin ausgestattet, mit schokoladigem Abgang, so hieß es bald, bringt hohe Parker-Punkte. Und tatsächlich, ein derartiger Trend lässt sich weltweit nachvollziehen. Doch wer ­schuf den »Parker-Weinstil« wirklich?

Zeitgleich mit dem Aufstieg von Parker wurde ein Name in den Stiegenhäusern ­der mächtigsten Winzer geflüstert: Michel Rolland. Der in Libourne geborene Öno­lo­ge wurde zum Inbegriff des »Flying Winemakers«. Mit seinem wachsenden Beraterstab wurde er in unzähligen Wein­gütern weltweit tätig, die alle ein Ziel verfolgten: höchste Parker-Punkte. Und Rolland hatte einen entscheidenden Vor­teil, der ihn zum unbestrittenen Doyen ­der Weinberater erhob: seine Freundschaft mit Parker – und eine exakte Vorstellung da­von, was dieser an einem Wein schätzt.

Sicher ist: Jene hier genannten prägenden Weinpersönlichkeiten, die in ihren Ländern – und oft weit darüber hinaus – heute als Doyens bezeichnet werden, haben dem Wein in den letzten Jahrzehnten zu jenem Stellenwert verholfen, der ihn zum unverzichtbaren Genussmittel, aber auch zum unvergleichlichen Kulturgut macht.

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