Auf diesen Wein ist der Bremer Ratskeller besonders stolz: Der Rüdesheimer 1653, der im speziellen Kellerraum »Rose« lagert, gilt als ältester deutscher Fasswein. Bei einem der vielen Gäste, die in dem Keller jährlich auf Führungen begrüßt werden, stieß dieser Tropfen, der nur ganz selten und dann auch nur in winzigsten Dosen vom Kellermeister und vom amtierenden Bürgermeister probiert werden kann, auf besonderes Interesse. Huang Nubo, Milliardär aus China, machte sofort ein »unmoralisches Angebot« für die Rarität. 150.000 Euro bot der 57-Jährige für eine Flasche des über 350 Jahre alten Weines.

Kellermeister Karl-Josef Krötz schwärmte im Gespräch mit »Falstaff« von seinem »Kulturschatz«: »Diesen Wein kann man keiner technischen Probe oder einer Blindverkostung unterziehen. Und es ist auch kein Wein, den man zwischen Tagesschau und Fußball trinkt. Für diesen Wein muss man bereit sein. Man muss ihm Respekt entgegenbringen, sich in das Jahrhundert hineintrinken und sich im Hochgefühl befinden, privilegiert zu sein und etwas zu erleben, was vorher nur die auserlesenste Persönlichkeiten und Monarchen gekostet haben.«

Aus der Not geboren
Der Rüdesheimer, Jahrgang 1653, lagert in einem 1000-Liter-Fass und soll nach altem Madeira und höchst konzentriert schmecken. Da es damals noch keine reinsortige Bepflanzung gab, handelt es sich um einen »gemischten Satz«. Zudem dürfe man den zeitlichen Kontext nicht vergessen. »1653 war der 30-jährige Krieg gerade einmal fünf Jahre vorbei«, führte Krötz aus, »Deutschland war völlig zerstört. Der Wein war also aus der Not geboren und vor allem ein Tauschmittel. Qualität und Auslese waren eher sekundär.« »Die Rheingauer Chronik«, die unter anderem Wetterkapriolen verzeichnete, vermerkt für das Jahr 1653 nur »gut«.

Einem bestimmten Weingut ist der älteste Fasswein Deutschlands nicht mehr zuzuordnen. »Die Weine kamen damals von Agenten in Mainz oder Köln, wurden flussabwärts nach Köln geschifft, dann mit Fuhrwerken durch Westfalen und wieder per Schiff nach Bremen gebracht.«

Ein vergleichbarer Wein ist Krötz in Europa nicht bekannt. Verständlicherweise möchte er sich nicht gerne vom »Kulturschatz« trennen, andererseits ist die sechsstellige Summe natürlich verführerisch. Die endgültige Entscheidung über den Verkauf liegt nun beim Bremer Bürgermeister Jen Böhrsen.

Reisereporter Norbert Jacques berichtete 1953 in der »Zeit«, Anfang des 20. Jahrhunderts hätte man den Wein für zehn Mark pro Flasche kaufen können - ein klares Argument für Wein als Wertanlage.

Es geht noch älter
Der älteste noch trinkbare Flaschenwein der Welt lagert gute 500 Kilometer weiter südlich ebenfalls in Deutschland. In Würzburg wird ein 1540er Steinwein aufbewahrt, der schon in den Kellern von König Ludwig von Bayern lagerte. 1961 konnte der berühmte Weinexperte Hugh Johnson zwei Schlucke davon verkosten, ehe der Wein aus dem exzellenten Jahrgang ungenießbar wurde. Johnson schwärmte noch Jahrzehnte später von diesem Erlebnis: »Nichts hatte mir bis dahin so klar vor Augen geführt, dass Wein wahrhaftig ein lebendiger Organismus ist, denn diese braune madeiraähnliche Flüssigkeit vor mir hielt noch immer die aktiven Lebenselemente in sich fest, die sie von der Sonne jenes längst vergangenen Sommers in sich aufgenommen hatte«, schrieb er in seinem Buch »Hugh Johnsons Wein-Geschichte« 1990.

(sb)