100mal Assmannshäuser Höllenberg – Teil II

Die Rot-Weiß Edelbeerenauslese aus dem Höllenberg - der legendäre Kennedy-Wein

© Matthias Neske

Die Rot-Weiß Edelbeerenauslese aus dem Höllenberg - der legendäre Kennedy-Wein

Die Rot-Weiß Edelbeerenauslese aus dem Höllenberg - der legendäre Kennedy-Wein

© Matthias Neske

http://www.falstaff.de/nd/100mal-assmannshaeuser-hoellenberg-teil-ii/ 100mal Assmannshäuser Höllenberg – Teil II Assmannshäuser Höllenberg – über viele Jahrzehnte war das die erste Adresse für Rotweine in Deutschland. 100 Höllenberg-Spätburgunder von 1882 bis 2020 standen bei einem spektakulären Tasting in Schloss Biebrich auf dem Tisch. Dies ist Teil II der großen Verkostung. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/e/c/csm_IMG_7617-Foto-Teil-II_848817c6e0.jpg

Der Assmannshäuser Höllenberg liegt an der Schwelle zwischen Rheingau und Mittelrhein. Anders als die beiden heimatgebenden Anbaugebiete hat sich der Höllenberg jedoch seit nachweislich 800 Jahren primär einen Namen mit Rotweinen gemacht. In Teil I des großen Tastings im Biebricher Schloss kamen nach den jüngeren Weinen der letzten zwei Jahrzehnte schließlich legendäre Gewächse der 1940er Jahre auf den Tisch. Die Flights 4-7, die in diesem Teil beschrieben werden, boten ebenfalls einen wilden Ritt durch Jahrzehnte und Stile – diesmal sogar in Süß.

Flight 4 – Höllenberg, 1963-1951

Das erste vollständige Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg brachte große Varianzen nicht nur bei den Witterungsbedingungen, sondern auch bei den präsentierten Weinen hervor. Der legendäre englische Weinarchivar Michael Broadbent hält in dieser Phase die Jahrgänge 1953 und 1959 für »magnificent«, für andere Jahrgänge findet er hingegen weniger lobende Bezeichnungen. 1951 hätte »poor thin wines« hervorgebracht, 1954 sei von »disastrous weather« gekennzeichnet, und der Dreiklang 1956, 1957 und 1958 sei ebenfalls »poor« ausgefallen.

Tatsächlich zeigte sich der Höllenberg des Jahrgangs 1957 dumpf und unerfreulich. Andere Exemplare hingegen folgten eher der These, dass nicht (auch nicht in Deutschland) die wärmsten Jahrgänge immer die schönsten Weine hervorbringen. Gerade beim Spätburgunder erscheint ja die Fähigkeit, die Finesse in den Vordergrund zu stellen, quasi als Vorbedingung auf dem Weg zum Idealtyp. Und so waren es auch ein paar durchaus »kleinere« Jahre, die den Höllenberg-Charme bestens zum Ausdruck brachten.

Drei Favoriten

Die größte Überraschung hielt vielleicht der Höllenberg des Jahrgangs 1961 bereit. Groß in Bordeaux, wir wissen es alle, aber eigentlich nicht in Deutschland. Was dann der 1961er Höllenberg »Natur« präsentiert, ist schlichtweg fantastisch. Enorm fein und gleichzeitig pikant, köstlich und geradezu reintönig mit seinem Süßkirschauszug, erinnert er an den 1948er des vorigen Flights. Zusammen mit dem geschmorten Ochsenschwanz, den Günter Gollner dazu reichte, war dies die harmonischste Kombination der gesamten zwei Tage.

Ein komplettes Kontrastprogramm dazu bot die Ausgabe des Jahrgangs 1959. Hier ist nicht nur die Farbe immer noch recht dunkel, auch Reife und Gerbstoffe befinden sich auf ungeahnten Höhen. Der Wein wirkt erdig, voller Kraft und geht aromatisch fast in Richtung eines Portweins. Das ist beeindruckend, aber vielleicht etwas weniger ausgewogen.

Der 1958er, aus einem der drei »ärmlichen« Broadbent-Jahrgänge stammend, erwies sich dann als ideale Verknüpfung der beiden Welten. Hier gibt es eine verblüffend lebendige Erdbeer-Minz-Note bereits in der Nase. Frische Mandarine und reife Aprikose führen den Reigen am Gaumen dann fort, dazu bei aller Reife eine deutlich präsente Säurepikanz. Richtig, das sind alles keine Aromen, die man blind mit einem Rotwein in Verbindung bringen würde. Aber gerade die älteren Assmannshäuser gehen tatsächlich ihren eigenen Weg zwischen den unterschiedlichen Weintypen.

Flight 5 – Höllenberg Weißherbst, 2001-1917

Die süßen Weine aus dem Höllenberg sind, so wusste Gutsdirektor Dieter Greiner zu berichten, eigentlich aus der Not heraus entstanden. Wohin sollte man in Botrytisjahren mit den edelfaulen Beeren? Da sie zum Wegwerfen definitiv zu schade waren, wurden sie ausgelesen und schließlich als »Rot-Weiß Edelbeeren-Auslese« wie ein Rosé vinifiziert. Wenn so etwas mit Riesling im Rheingau funktioniert, so der Gedanke dahinter, müsste es mit Spätburgunder doch eigentlich auch möglich sein. Später dann kam ein anderer süßer Weintyp in Mode, der Eiswein. Und so warteten die Eberbacher die erstaunlich regelmäßig eintretende Frostperiode ab, um die gefrorenen Beeren zu Wein zu verarbeiten.

Da es sich um eine Blindprobe handelte, vermittelten die zwischen hellamber und kastanienbraun changierenden Gewächse den Eindruck eines stark fortgeschrittenen Alters. Die bereits in der Nase wahrnehmbare Note nach kandierten Früchten ließ dann eher Erinnerungen an Rieslaner Trockenbeerenauslesen wach werden. Mit einer einzigen Ausnahme präsentierten sich die zehn Weine dieses Flights in ausgezeichneter Verfassung. Wie so oft bei süßen Weinen, kann man sich als Probierender dem inneren Zwiespalt nicht entziehen: Einerseits sind diese Weine derart köstliche Geschöpfe, dass man sie eigentlich viel öfter trinken sollte. Andererseits zeigt das eigene Kaufverhalten, weshalb sie kaum mehr produziert werden – ein Süßer auf der Einkaufsliste kommt auf 50 Trockene.

Zwei Favoriten…

Die feinste und eleganteste Version der Eisweine brachte der Jahrgang 1990 hervor. Kritiker mögen eventuell eine für die eher zarte Mitte recht hoch ausgefallene Säure bemängeln. Aber mit seinen angenehmen Noten nach kandierter Aprikose ist dies einfach ein ungemein schmackhaftes Produkt.

Eine ganz andere Interpretation lieferte der 2001er Eiswein. In der faszinierend frischen Frucht mit Noten nach reifer Ananas äußert sich das noch nicht. Aber am Gaumen wird sofort die Hochreife spürbar. Der Wein ist ungemein viskos, honigartig, gehaltvoll vom ersten Schluck an, und dann mit einem langen Abgang ausgestattet.

…und eine Legende

Das letzte Glas des Flights schien einen Wein zu enthalten, der sich ein wenig von den anderen unterscheidet. Farblich am dunkelsten ausgerichtet, sind am Glasboden grobe Ausfällungen sichtbar. In der Nase gibt es Nuancen von Kaffee, Malz und Erde, ein Zusammenspiel der Elemente, weit weg von frischer Frucht. Am Gaumen jedoch wirkt der Wein quicklebendig. Es gibt Süße, Säure und eine Frucht, die nicht nur das Fruchtfleisch repräsentiert, sondern auch einen leichten Schaleneindruck. Ein ausgezeichneter Wein, keine Frage.

Das Aufdecken des Etiketts führte dann die Sensation schlechthin zutage. Während sich die anderen elf Weine im Alter zwischen 20 und 30 Jahren bewegten, war dies hier – der 1917er! Die legendäre Edelbeeren-Auslese mit 20 Gramm Säure, die einst John F. Kennedy bei seinem Besuch in Wiesbaden als Geschenk mitgegeben wurde. Es fällt schwer, nicht aus dem Häuschen zu geraten, und zwar nicht nur der historischen Bedeutung wegen, sondern tatsächlich auch aufgrund der Qualität des Weins. Der bisherige Höhepunkt der Veranstaltung.

Flight 6 – Höllenberg 1997-1983, die schwierigen Jahre

Aus den Sphären des Legendenweins wieder zurück auf die Erde – so könnte man den sechsten Flight beschreiben, der einer vergleichsweise kleinen Auswahl der 1980er und 1990er Jahre gewidmet war. In dieser Zeit musste das Staatsweingut personelle Wechsel verkraften – drei verschiedene Kellermeister waren in dieser Periode am Werk. Zudem verlegte man sich auf einen Weinstil, der weder edelsüß noch kernig trocken war. Vielmehr wurde auch den vermeintlich trockenen Weinen immer ein gewisser Restzucker mitgegeben, dazu alle Weine deutlich filtriert. Mit anderen Worten: keine allzu guten Voraussetzungen.

Tatsächlich jedoch hatten die Weine durchaus etwas zu bieten, nämlich Zartheit und Harmonie. Andererseits gab es keinen anderen Flight, bei dem die Bewertungen der namhaft besetzten Tasting-Runde derart weit auseinander gingen. Wer einen klassischen Rotwein im Stil eines Romanée-Conti als Vorbild nimmt, muss bei den Weinen dieser Periode in vielen Punkten Abstriche machen. Wer jedoch die innere Harmonie eines »Getränks«, eines »Rhine Wines« nach Hallgarten’scher Diktion, in den Vordergrund stellt, wird erstaunlich viele positive Dinge hervorheben können.

Zwei Favoriten

Am stärksten in Richtung eines Rheingauers aus Assmannshausen, am wenigsten jedoch in Richtung eines Pinot Noirs aus dem Höllenberg, ging der 1983er. Hierbei handelt es sich um eine halbtrockene Spätlese, die sich farblich in einem tiefen Goldton präsentiert. Es gibt viel Frucht bei mittlerer Viskosität, vor allem gelbe Pflaume, immer in Verbindung mit der lagencharakteristischen Kräuterigkeit. Ein köstlicher Wein für sich selbst.

Die trockene Spätlese aus dem Jahrgang 1997 hingegen zeigt sich farblich wie die meisten ihrer Flight-Mitstreiter amberfarben und extrem gereift. In der Nase gibt es Karamell, wiederum getrocknete Küchenkräuter und einen dunklen Unterton. Am Gaumen wird der Wein zusehends offener, bietet erst ein wenig feinfruchtige Erdbeere an und endet dann mit einem »rose fanée«-Touch, der den überraschenden Bogen zurück zum Pinot schlägt.

Flight 6 – Höllenberg, 2009-2002

Im letzten Flight dieses zweiten Teils näherte sich die Runde wieder stärker der Gegenwart. Sichtbar wurde dies bereits an den Weinen im Glas, die farblich sämtlich ein helleres Ziegelrot aufwiesen. Geschmacklich erinnerten die Spätburgunder an das Ringen mit dem Stil, das in Assmannshausen in jenen Jahren vorherrschte. Es gab Weine mit feurigen, alkohollastigen Noten, die beim Aufdecken dann auch tatsächlich 14,5, gar 15 vol% besaßen.

Kathrin Puff, die aktuelle Chefönologin der Staatsweingüter, machte in ihrem Statement deutlich, dass der Höllenberg für sie dennoch »cool climate« sei. Selbst wenn die Trauben reif seien, würden pH-Wert und Säure eigentlich immer stehen. Allerdings, fügte sie hinzu, sei sie auch keine Vertreterin eines Stils mit »viel Make-up«, sprich Hochreife, Holz und mächtigen Tanninen.

Zwei Favoriten

Einer der beiden Favoriten war ein für diesen Flight eher untypischer Wein. Die trockene Spätlese Goldkapsel des Jahrgangs 2002 zeigt sich nämlich samtig, fein, geprägt von Fruchtnoten wie Himbeere und Granatapfel. Eher leicht im Körper, ist das ein purer Pinot, dem vielleicht ein wenig die Tiefe fehlt. Dieter Greiner erläuterte dazu, dass eine Woche vor der Lese aus internen Gründen die gesamte Mannschaft ausgetauscht werden musste. Man hätte vor einer riesigen Herausforderung gestanden. Eher aus dieser Not heraus sei die Kellerarbeit dann weitgehend »hands off« gewesen. Und der Wein der Beweis dafür, dass so etwas funktionieren kann.

Der zweite Favoritenwein des Flights trägt einen etwas umständlichen Namen. Ausgeschrieben ist es der »Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder trocken Mauerwein Auslese Steigwein«. Verwendet wurden dafür die Trauben jener Rebstöcke, die an den mächtigen Trockenmauern des Weinbergs wachsen. Die 2004er Ausgabe zeigt sich im Vergleich mit ihren schwerer daherkommenden Brüdern aus 2003 oder 2006 wesentlich vielschichtiger. Eine attraktive Süßkirschnote wird von einer dichten, aber feinkörnigen Gerbstoffpräsenz begleitet. Vielleicht spürt man einen kleinen Touch limettiger Säure, aber gemeinsam mit der Würze und dem langen Abgang macht das den Charme erst aus.

Mit Schwung in den dritten Teil

Zwei wesentliche Erkenntnisse lassen sich nach den vier Flights dieses Teils festhalten: Erstens kann man aus Spätburgunder wirklich ausgezeichnete und ungemein haltbare Süßweine bereiten – wenn man denn will. Der 1917er »Kennedy-Wein« soll hierfür als überragendes Beispiel dienen. Und zweitens ist der Höllenberg auch in nominell kleineren Jahrgängen zu großer Harmonie fähig, wenn die Zartheit auf allen Ebenen gleichermaßen gehalten wird.

Im dritten Teil wird es dann um legendäre Weine aus den 1920er und 1930er Jahren gehen – und um den ältesten Wein der Veranstaltung aus dem Jahrgang 1882.

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