100mal Assmannshäuser Höllenberg – Teil I

100 Weine aus dem Assmannshäuser Höllenberg

© Matthias Neske

100 Weine aus dem Assmannshäuser Höllenberg

100 Weine aus dem Assmannshäuser Höllenberg

© Matthias Neske

Wenn es um historisch legendäre, mikroklimatisch bevorzugte Weinberge in Deutschland geht, kommt man am Assmannshäuser Höllenberg nicht vorbei. Nominell Teil des Rheingaus, stellt er eigentlich eine eigene Welt dar. Assmannshausen befindet sich nämlich bereits nördlich des Knicks, von dem aus der Rhein spektakulär das Schiefergebirge durchbricht, sich zügig aufmacht in Richtung Koblenz und Köln. Und ein weiteres Merkmal unterscheidet den Höllenberg vom restlichen Rheingau. Er ist Rotweinheimat, seit Jahrhunderten bestockt mit Klebroth, mit Rotem Clävner, wie es in den alten Unterlagen heißt, seit Ende des 19. Jahrhunderts als Spätburgunder auf den Etiketten bezeichnet. Aus dieser Zeit stammte auch der älteste Wein, der beim Tasting im Biebricher Schloss gereicht wurde.

Weltraritäten in festlichem Ambiente

Eine kleine, aber illustre Runde an Weinexpertinnen und -experten aus dem In- und Ausland hatte sich in Wiesbaden zusammengefunden hatte, um 100 Weine aus dem Assmannshäuser Höllenberg zu probieren. Eingeladen hatte ein Wiesbadener Verleger und Dieter Greiner, seit langen Jahren Geschäftsführer der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach und damit gleichzeitig Herr der Schatzkammern. Fast 2.000 Gläser hatte das Team um Günter Gollner (Restaurant & Catering Das Goldstein) gespült und poliert, mit hohem Aufwand Flaschen entkorkt und den Inhalt je Durchgang in 16 Gläser gefüllt. Am Ende sollten sich die 100 Assmannshäuser auf nicht weniger als elf Flights an zwei Tagen verteilen.

Was verblüffte: Lediglich zwei Weine an diesen zwei Tagen mussten als grob fehlerhaft angesehen werden; einer davon hatte sein Kellergemach in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs mit vielen hierhin geflohenen Menschen geteilt – eine erschreckend aktuelle Vorstellung.

Wie benotet man 100jährige Weine?

Alle anderen Weine präsentierten sich in einer Verfassung, die von hedonistisch über beeindruckend bis hin zu hochgradig individuell reichte. Sicher: Es wäre ein einigermaßen absurdes Vorhaben, Weine aus den 1920er Jahren mit denselben Ideen, nach denselben Bewertungsmaßstäben beurteilen zu wollen wie den aktuellen Jahrgang. Wie sollte da der Idealtyp aussehen? Farbe – entweder verblichen oder braun oxidiert. Nase – fruchtbefreit, geprägt von Kräuter- und Kandisnoten. Gaumen – säurebetont, fragil, veränderlich von Minute zu Minute. Was aber immer spürbar war bei vielen dieser Altwein-Monumente, das ist die einem solchen Getränk innewohnende Würde und Grazie. Daniel Deckers zitierte in seinem einleitenden Vortrag den Weinhändler und Buchautor Fritz Hallgarten, der 1933 nach London emigriert war. Jener beschrieb den Roten aus Assmannshausen wie folgt: »It is no Burgundy. It’s a Rhine Wine with some of the characters of a Burgundy.«

Diese Einschätzung lief gewissermaßen als leise flüsternde Souffleuse stets im Hintergrund der Probe mit. Tatsächlich nämlich verabschiedete sich der Höllenberg-Staatswein schon nach kaum zwei Jahrzehnten von dem Bild, das ein Rotwein von einem schiefersteilen Südhang eigentlich abgeben sollte. Er wechselte die Farbe und hätte nicht selten blind eher für einen malzig-säurepräsenten Weißen denn für einen unterholzgeprägten Roten gehalten werden können. Dafür aber zeigte der Höllenberg, dass mit ihm und seinem Terroir auch nach vielen Jahrzehnten noch zu rechnen ist. Das Wort »müde« kam in den Probenotizen so gut wie nie vor, die Wörter »fein« und »elegant« dafür umso öfter.

Flight 1 – Rüdesheimer Berg Schlossberg, 2020-2003

Bereits der erste Flight des Events konnte zur Gänze den Status des Piraten für sich beanspruchen. Die Hessischen Staatsweingüter bepflanzten nämlich vor 30 Jahren etwa 7 ha Fläche im Rüdesheimer Berg Schlossberg mit Spätburgunderreben. Eine reine Südlage, 80% steil, felsgeprägt, den Elementen ausgeliefert.

Alles was die Teilnehmenden bei der Probe wussten, war die Tatsache, dass der erste Wein im Flight immer der jüngste war. Worum es sich jedoch handelte, wurde erst nach ausgiebigem Probieren und Diskutieren verraten.

Die vergleichsweise jungen Schlossberg-Weine aus vergleichsweise jungen Reben machten insgesamt alles andere als eine schlechte Figur. Was sie allerdings zeigten, war eine doch deutlich spürbare Heterogenität. Die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, die unterschiedlichen wein- und kellertechnischen Entscheidungen, all das trug dazu bei, den Schlossberg-Flight zu einem wahren Füllhorn an Stilen und Aromen werden zu lassen.

Drei Favoriten

Die seit 2018 im Amt befindliche Chefönologin Kathrin Puff, das lässt sich jetzt schon sagen, leistet eine hervorragende Arbeit. Obgleich es sich beim 2019er Schlossberg noch um einen extrem jungen Wein, beim 2020er gar um eine Fassprobe handelte, ist bei beiden der neue Wind deutlich spürbar. Frisch, sauerkirschig, der heißen Lage zum Trotz mit deutlichem Cool Climate-Gefühl, sind diese Weine in einem sehr angenehmen, zeitgenössischen Stil gehalten.

Um eine ähnliche Frische und Feinheit im Wein zu spüren, muss man bis zum Jahrgang 2013 zurückgehen. Kirsche und Walderdbeere, hier allerdings mit einem ersten tertiären Reifemoment.

Absolut erstaunlich präsentierte sich auch der nun wirklich brütend heiße Jahrgang 2003. Enorm viel Trub im Glas, dunkle Schieferaromatik, zwar dunkel und stark in einem gewissen Sinne, aber nicht exuberant, nicht über den Tellerrand lappend, sondern immer noch fest gefügt.

Flight 2 – Höllenberg, 2019-2010

17,9 Hektar besitzen die Staatsweingüter im Höllenberg, dessen Prunkseite man vom gegenüberliegenden Rheinufer fast nicht sehen kann. Ein bisschen wie beim Scharzhofberg befindet sich jene nämlich in einem kleinen Seitental; die Weinberge zum Rhein hin wurden erst später dem Höllenberg hinzugefügt.

Die Rotweine des jüngsten Jahrzehnt in diesem Flight trugen verwirrend unterschiedliche Bezeichnungen. Mal war es klassisch ein Großes Gewächs, mal der »Mauerwein«, die »Crescentia Goldkapsel« oder derjenige »aus dem Cabinetkeller«. Die Schwierigkeit bei den Benennungen, so Geschäftsführer Dieter Greiner, liege vor allem darin, dass der gesamte Berg als VDP.Große Lage geführt werde – bislang ohne innere Unterscheidungsmöglichkeit. Früher konnte diesen Unterschieden mit den Bezeichnungen Kabinett, Spätlese und Auslese auch bei trockenen Weinen Rechnung getragen werden. Aktuell läuft allerdings der Antrag, wenigstens das Herzstück des Höllenbergs gesondert bezeichnen zu dürfen.

Drei Favoriten

Wenig überraschend waren es auch beim Höllenberg die Jungweine, die die Richtung vorgaben. 2019, als Fassprobe vorgestellt, zeigte sich dabei zwar noch unruhig und zwischen Säure, Stoff und Tannin pendelnd. Aber eben auch sehr vielversprechend.

Dieses Versprechen hat der 2018er bereits eingelöst. Beide Weine waren übrigens als einzige unfiltriert abgefüllt worden. Ähnlich wie beim 2003er Schlossberg verwundert es auch hier, wie viel Feinheit und Pikanz aus dem heißen Jahrgang gezogen wurden. Dezenter Rauch, leicht Kaffee, viel Kirsche und durchaus auch Extraktsüße, aber dennoch »longiline« im Stil.

Wer ein Faible für leichte und elegante Weine hat, kommt nicht am 2014er Exemplar vorbei. Ganz sicher nicht aus dem berühmtesten Rheingauer Jahrgang stammend, gibt es hier zunächst eine etwas hellere Holundernote zwischen Blüte und Mark. Dann schließt sich eine Pinot-Duftigkeit an, eine schwebende Leichtfüßigkeit, wie sie so typisch (und erstrebenswert) für diese Rebsorte ist.

Flight 3 – Höllenberg, 1950-1940

Ziemlich unvermittelt änderte sich die Farbe in den Probegläsern. Das Ziegelrot der jüngeren Weine wich einem tiefen Amber. Ohne dass die Runde es ahnte, kamen in diesem Flight die großen Jahre des legendären Gutsdirektors Schug auf den Tisch. Ewald Schug war von 1923 bis 1959 Leiter der Domäne Assmannshausen und zeichnete während dieser Zeit für den Erfolg der Höllenberg-Rotweine verantwortlich. Reifes Lesegut und der wenn immer mögliche Verzicht auf Chaptalisierung waren zu jener Zeit keineswegs an der Tagesordnung. Dieter Greiner beschrieb die Schug’sche Philosophie so, dass die Weine durchgegoren seien, »so weit die Hefen tragen«. Restsüße wurde nie angestrebt, der Jahrgang aber dennoch so belassen, wie es sich ergab.

In diesem Flight fanden sich Weine aus Jahren großer Not und Unsicherheit. Der 1944er »Luftschutzkeller-Wein« ist ein beredtes Beispiel dafür. Es waren aber auch Schätze darunter, die trotz der schwierigen Zeiten ein Abbild der teils guten klimatischen Bedingungen waren – echte Prunkstücke der Eleganz.

Drei Favoriten

Honorably mentioned sollen gleich zwei Weine zu Anfang, die nicht unter den drei Favoriten gelandet sind. Der 1945 mit seiner attraktiven Dörrmandarinenfrucht in der Nase veränderte sich ständig und zeigte beizeiten auch sein Pfauenrad. Der 1947er hingegen erinnerte in seinen Aromen am ehesten an klassischen Rotwein, was sich in diesem Zusammenhang merkwürdig anhören mag. Tatsächlich aber hatte das heiße Jahr den Wein mit enorm viel Reife, aber auch mit vielen Gerbstoffen ausgestattet. Trotz bewundernswerter Statur blieb der Charme dabei ein bisschen auf der Strecke.

Der Höllenberg aus dem Jahrgang 1942 entpuppte sich als absolut brilliante Interpretation eines in Würde gereiften Getränks. Vielschichtig und ungemein komplex bereits in der Nase regt der Wein dazu an, eine Viertelstunde allein mit Schnuppern zuzubringen. Am Gaumen ist eingekochtes Quittenmark spürbar, gar etwas Rotfruchtiges, begleitet von einer tragenden Säure. Das ist kein Weißwein, aber auch kein Rotwein, sondern eine eigene Welt.

Der 1948 präsentierte sich ebenfalls quicklebendig, wenngleich mit leicht röstbraunen Untertönen wie ein meisterhafter Sercial Frasqueira. Mandarine als Fruchtnote ist spürbar, die Materie leicht und pikant. Fast ist man versucht, das verpönte Wort »lecker« im Zusammenhang mit einem 74 Jahre alten Wein in den Mund zu nehmen.

Schließlich zeigte auch der 1950er diese für ideal gereifte Höllenberg-Spätburgunder so typischen Noten von Kräutern, Malz und Kandis, von Kakaobohnen und Fruchtsäurepräsenz.

In the Altwein Mood

Sich mit derartig lang gereiften Weinen zu beschäftigen, bedeutet häufig auch, das übliche Vokabular der Weinbeschreibungen verlassen zu müssen. Manche Weine hatten zwar ihre Fruchtnoten bereits abgegeben, wiesen dafür aber ganz andere Aromen auf. Da gab es häufig den bereits genannten Dreiklang von Malz, Kandis und Küchenkräutern, da gab es aber auch Selchfleisch, kalten Holzkohlegrill oder Kräutergelee. Da lebte plötzlich der alte Mahagonischrank von Tante Alwine wieder auf, an den man schon seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht hatte.

Diese ungewöhnlichen Assoziationen halfen aber auch dabei, die Altweine nicht ausschließlich mit erstarrender Ehrfurcht zu betrachten. Vielmehr zeigten sich viele Weine als Symbole des Ephemeren, des Prozesshaften, veränderten sich, schienen sogar noch einen Weg vor sich zu haben und präsentierten damit Leben auf eine ganz andere Art als ein Jungwein.

Hatte der erste Teil der Assmannshäuser »Weltraritäten-Weinprobe« schon mancherlei Anregungen mitgegeben, soll in den beiden folgenden Teilen mit den Flights 4-11 den Fragen nachgegangen werden, wie sich die süßen Assmannshäuser machen – und wie ein Wein aus dem Jahrgang 1882 schmeckt.

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