© Florian Büttner

Interview mit Nora Witzigmann: »Schwebende Seelen im Raum«

Sie kann überhaupt nicht kochen – auch wenn sie den gleichen Nach­namen wie die österreichische Gastro-Legende trägt. Die Kunst von Nora Witzigmann liegt darin, die Bühnen der Tafelfreuden zu inszenieren. LIVING traf die gefragte Interior-Designerin zum Gespräch.

15 . Dezember 2020 - By Uwe Killing

Panama kann überall sein – wie in dem Janosch-Buch über die Reise des kleinen Bären und seines Tiger-Freundes. Für Nora Witzigmann ist es eine alte Papierfabrik in Berlin, aus der
sie das »Oh, Panama« gemacht hat – eine elegante, versponnene Restaurant- und Barwelt. Hier treffen wir die Interior-Designerin, die sich vor allem mit der Gestaltung von Restaurants und Hotels einen Namen gemacht hat. Ihren in der Gastro-Szene klangvollen Nachnamen verdankt die 43-jährige Münchnerin, Tochter einer Niederösterreicherin und eines Bayern, ihrer früheren Ehe mit Max Witzigmann, Sohn von Koch-Legende Eckart Witzigmann. 

LIVING: Was sagt der Raum, in dem wir sitzen, über Sie aus?
NORA WITZIGMANN: 
Sie finden Ideen von mir, aber Sie werden nicht meine Persönlichkeit erkennen. Ich könnte alleine gar kein Restaurant gestalten. Ich brauche da die Visionen des Auftraggebers, in diesem Fall von Ludwig Cramer-Klett, der schon ein Lokal etabliert hatte. Er hat sehr klare Vorstellungen, bringt Kunst- und Designstücke ein, suchte für das »Oh, Panama« aber einen zusätzlichen Spirit. Da kam ich ins Spiel.

Wie startet so ein Projekt?
Immer bei null. Und alles entwickelt sich vom Raum aus. Denn darin schwebt eine Seele, die etwas vorgibt. Wo sind wir? Welche Geschichte hat das Gebäude? Wie fällt das Licht hinein? Daraus ergeben sich die Materialien, und auch erst dann vertieft sich der Prozess des Zeichnens und Planens.

Sie mischen Möbelstücke und vorgegebenes Dekor mit eigenen Entwürfen. Sehen Sie sich als Designerin?
Produktdesign finde ich faszinierend. Es ist für mich jedoch projektbezogen, und aufgrund der Verschiedenartigkeit der Räume könnte ich mir eine serielle Produktion nur schwer vorstellen. Ich möchte mich nicht wiederholen, sehe mich als Kuratorin, die wie eine Modemacherin ein Couture-Kleid anfertigt, zugeschnitten auf den Körper, der bei jedem Menschen anders ist. 

Ein klassisch-eleganter Touch findet sich immer in Ihren Räumen …
Ich liebe modernes, minimalistisches Design, aber ich finde, man muss es fast immer anreichern, um Atmosphäre und auch Wohnlichkeit zu erzeugen. Und wenn Geschichten über Möbel erzählt werden können, belebt das einen Raum schon mal. Ein Thonet-Stuhl – da ist sofort eine Assoziation mit Kaffeehaus und Gastlichkeit da. 

»Ich bin eine Kuratorin, die wie eine Modemacherin ein Couture-Kleid anfertigt, zugeschnitten auf den jeweiligen Körper.«

Nora Witzigmann

Sie sind also eine Anhängerin des »Modern Vintage«?
Mit Etiketten tue ich mich schwer. Es ist bei mir immer ein Stil-Mix, der auf Brüche setzt. Ich habe natürlich einen Sinn für klassische Dinge, aber die dürfen nicht ehrfurchtsvoll ausgestellt, sondern sollten in eine moderne Urbanität transformiert werden.

Woher kommt Ihre Liebe zu zurückliegenden Kunstepochen?
Das habe ich von klein auf mitbekommen. Mein Vater war in der Bauwirtschaft tätig, meine Mutter betrieb ein Antiquitätengeschäft. Bei Reisen ging es immer um Kunst und Architektur. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich vom Dogenpalast in Venedig war. Die Marmorflut und diese faszinierende Schmetterlingsspiegelung – das hat sich in meinem Kinderkopf festgesetzt. 

Sie haben in Wien zunächst eine Schauspielschule besucht.
Ich hatte viele Interessen: Malerei, Fotogra­­fie, Schreiben… Hauptsache etwas Künstlerisches. Und da ich mich damals nicht entscheiden konnte, dachte ich: Probier erst ­
mal die Schauspielerei aus. 

Wie war die Erfahrung?
Ich empfand das Bühnenbild viel spannender als das Spielen. So habe ich das Studium geschmissen und bin nach New York gegangen. Ohne festes Ziel. Und während ich die Stadt, dieses unglaubliche Freiheitsgefühl und die Partys genossen habe, ergab sich ein Kontakt zum Studio von Mark Hampton. Die hatten gerade einen deutschen Kunden, der sich ein Apartment in der Fifth Avenue ein­richten lassen wollte. Das war mein glücklicher Einstieg.

Learning by doing?
Absolut. Nach München bin ich wegen meines Exmanns Max zurückgekehrt. Und parallel zur Familiengründung ergaben sich die ersten kleinen Jobs – alle auf persönliche Empfehlung: Wohnung einrichten, einen Laden neu gestalten, die ersten Anfragen aus der Gastro-Szene – es hat sich bei mir immer alles ergeben. 

Wie ist Ihr persönlicher Einrichtungsstil?
Oh Gott! Es gibt schöne Einzelstücke, die ich mit Erlebnissen verbinde, aber teilweise sieht es auch sehr studentisch aus. Ich würde nie einen Fotografen in meine Wohnung lassen. Auf keinen Fall. Mein Geheimnis. 

Trennen Sie zwischen Wohnung und Büro?
Ja. Aber ich bin selten im Büro, sondern die meiste Zeit vor Ort. Ich bin auch eher die autonome Künstlerin, die seit Jahren mit festen Partnern zusammenarbeitet. Karo Butzert aus Hamburg und mein Münchner Kollege Sven Hedrich sind da ganz wichtig für mich. 

Wo tanken Sie neue Energie?
Die Hauptinspiration ist für mich das Reisen. Nicht nur in die Ferne. Das kann ein kleines Dorf in Bayern sein. Ich bin auch eine leidenschaftliche Bergsteigerin, aber nach einer Tour freue ich mich wieder auf die Stadt. Landhausidylle – das bin ich nicht.

Sondern?
Ich bin absoluter Italien-Fan. Und vor zwei Jahren habe ich mir eine kleine Wohnung in Venedig gekauft. Dort renoviere ich und genieße die Stadt. Ein heiliger Ort.

»Ich empfand das Bühnenbild viel spannender als das Spielen. Dann habe ich die Schauspielschule in Wien geschmissen.«

Nora Witzigmann

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