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Nur die allerbesten Designer bleiben mit ihrem Schaffen über Generationen hinweg stilprägend. LIVING hat acht besonders kreative Querdenker und Feingeister gesucht und ihren Status als Influencer abgeklopft.

06 . März 2020 - By Manfred Gram

Rolf Fehlbaum, dem ehemaligen Geschäftsführer von Vitra, wird ein sehr schönes Zitat zugeschrieben: »Ein Klassiker ist ein Produkt aus einer anderen Zeit, das immer noch als Zeit-genosse wahrgenommen wird.« Diesen Gedanken des Schweizers, der das Unternehmen Vitra zu einer Weltmarke ausgebaut hat, kann man auch weiterspinnen. 

Etwa, wenn man die Gestalter vor den Vorhang holt, die in kreativer Regelmäßigkeit immer wieder Design-Klassiker schaffen. Ihre zeitlosen Entwürfe beflügeln die Fantasie über Jahrzehnte hinweg, und das färbt natürlich auch auf ihre Urheber ab, um die sich dann über die Jahre Mythen und Legenden ranken. Sie beeinflussen mit ihren Entwürfen noch immer die Gegenwart, und nicht selten findet man in deren Vita Inspiration, zumindest aber Details zum Staunen. 

Der Cocktailtisch »Margarita« ist eine exklusive Tischarbeit. Zu haben etwa in der Interiorgalerie nilufar.com.Foto beigestellt

Influencer

Ein gutes Beispiel dafür ist die Irin Eileen Gray. Um ein Haar wäre die Exzentrikerin, die auf Pariser Partys im frühen 20. Jahrhundert gerne mal mit einem schwarzen Panther an der Leine aufkreuzte und sich von Damen im Smoking begleiten ließ, in Vergessenheit geraten. Aber ihre Entwürfe, wie etwa die berühmte Stehlampe »Tube Light«, die sich bereits deutlich vom damals gängigen Art déco wegbewegt, aber trotzdem nicht so richtig Bauhaus sein will, passt perfekt in die Gegenwart. 

Eine Gegenwart, die durchaus auch vom legendären Designerehepaar Charles und Ray Eames beeinflusst wird, das mit seinen Entwürfen maßgeblich die 50er-Jahre prägte. Vor allem, weil sich die Speerspitze der Designer immer wieder gerne daran erinnert, mit welcher Akribie und welchem Forschergeist das Zweiergespann neue Techniken und Materia­lien zur Verwendung brachte. 

Dieser Drang, neue Formen für Altbekanntes zu entwickeln, außerhalb von bekannten Linien und Denkmustern zu agieren, zeichnet die großen Design-Influencer der Gegenwart aus. Egal, ob es sich dabei um futuristische Exzesse von Marc Newson handelt, fein­sinnige Stil-Ikonen wie India Mahdavi und Patricia Urquiola, die mit einer neuartigen ­Farbsprache poetische Storys über die Dinge erzählen, oder ob die Eleganz gefeiert wird, ­mit der Zaha Hadid der Geometrie eine Absa­-ge erteilt. Ihre Sichtweisen auf den Alltag ­haben monumen­talen Einfluss. Auch Philippe Starck, der schon alleine mit seiner Masse an Einfällen Industriedesign-Geschichte schreibt, wird wohl noch in 50 Jahren als Referenzquelle dienen. 

Er wäre übrigens nicht der Erste, der mit diesem Ansatz unsterblich wird. Der Däne Arne Jacobsen, dem bereits zu Lebzeiten ein Ruf als überbordende »Designmaschine« vorauseilte, ist heute noch immer ein Topseller, auf dessen Ästhetik sich jeder beruft, der Wohnräume mit effizienten, ruhigen Linien ein bisschen »hyggelig« machen will. 

Eileen Gray

Was es alles braucht, damit sich Mythen um eine Biografie ranken, lässt sich leider nie so genau voraussagen. Im Falle der gebürtigen Irin Eileen Gray, die 1976 98-jährig in Paris verstarb, kann man aber einige Parameter herausfiltern: Gray galt als kreative Querdenkerin, die auf die Regeln und Konventionen der höheren Kreise, in denen sie verkehrte, keinen Wert legte. Ihr Credo lautete: »Um etwas zu schaffen, muss man zuerst alles infrage stellen.« Frankreich, genauer Paris am Anfang des 20. Jahrhunderts, war der perfekte Boden dafür. Hier wurde Gray zu einer bedeutenden Avantgardistin, die den überbordenden Jugendstil-Mainstream nach und nach mit klaren, praktischen und puristischen Entwürfen konter-karierte. Beeinflusst vom niederländischen De Stijl sowie vom Bauhaus, kreierte sie zeit-lose Klassiker wie den »Adjustable Table« und schrieb mit dem Haus »E.1027« sogar Architekturgeschichte. Das machte sogar den berühmten Le Corbusier eifersüchtig.

© Getty Images

Charles & Ray Eames

Üblicherweise ist es ratsam, Privates und Berufliches zu trennen. Dass der Architekt Charles Eames und seine zweite Frau Ray, die sich als Künstlerin und Designerin verdingte, dies nicht getan haben, hat die Welt auf jeden Fall um einiges chicer gemacht. Die mondänen und leichten Entwürfe, wie beispielsweise die berühmten Stühle »La Chaise« und »RAR« oder ihr legendärer »Lounge Chair«, prägten den Mid-Century-Style und wirken bis heute nach. Zudem tat sich das Duo beim Ausloten technischer Möglichkei-ten hervor und setzte als Erstes Schichtholz und Fiberglas als Werkstoffe ein. Das geschah übrigens mitunter in Zusammenarbeit mit der US-Army. Letztlich revolutionierte auch der Eames-Ansatz, möglichst erschwingliche Möbel von ausgezeichneter Qualität zu entwerfen, die Industrie, und das sorgt für einen Fixplatz des Paares in der Designgeschichte.

© Allan Grant

Philipp Starck

2024 finden in Paris die Olympischen Sommerspiele statt. Jetzt darf kurz geraten werden, wer dafür die begehrten Medaillen entworfen hat. Genau, Philippe Starck. Der 71-Jährige hat – bitte die hohle Phrase nachzusehen – der Designwelt ihren Stempel aufgedrückt. Seit den späten 1960er-Jahren ist Starck als Gestalter und Designer aktiv und hat seitdem so ziemlich jeden Gebrauchsgegenstand zwischen Audioanlage und Zitruspresse in die Mangel genommen. Sogar an ganze Motorjachten inklusive Inneneinrichtung hat sich Starck gewagt. Das beeindruckt schon einmal quantitativ, aber dem Franzosen gelingt auch das große Kunststück, trotz dieses enormen Outputs nie in der Beliebigkeit zu versumpfen, und er schafft sogar in regelmäßigen Abständen Entwürfe, die zu Ikonen werden. Die Flut seiner Kreationen bringt es mit sich, dass sich wohl in jedem Haushalt irgendwo etwas vom Designer findet – und wenn es nur ein Kartoffelschäler ist. Gemeinsam sind wir Starck, sozusagen. 

© James Bort

Weitere Einblicke rund um die erfolgreichsten Design-Highlights finden Sie im neuen Falstaff LIVING. 

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