© Lukas Ilgner

Nichts ist schwieriger, als für sich selbst zu designen, behaupten viele Architekt:innen. Die Ergebnisse sind dennoch beachtlich. Wir haben vier Vertreter:innen der Wiener Zunft gebeten, uns Einblick in ihr Wohnen und Gestalten zu geben.

20 . September 2022 - By Wojciech Czaja

»Unser Beruf bringt es mit sich, mit Konventionen und Erwartungen zu brechen und anderes auszuprobieren«, sagt Ebner, 56 Jahre alt, Partner im Wiener Architekturbüro BEHF, das vor allem auf Wohnbau und Interior-Gestaltung im Bereich Hotel, Retail und Gastronomie spezialisiert ist. »Zum Bruch mit den Konventionen gehört wohl auch, dass die Möbel nicht an der Wand stehen, sondern in der Raummitte gruppiert sind. In gewisser Weise ist die Wohnung so etwas wie ein Dauerexperiment, wie ein Versuchslabor. Hier probiere ich aus, was wir unter Umständen später auch unseren Kund:innen und Auftraggeber:innen empfehlen. Ich bin, wenn man so will, ein Versuchskaninchen unserer eigenen Arbeit.«

Bullauge zur Welt Im Dachgeschoß eines Gemeindebaus aus dem Roten Wien wohnt und arbeitet die Wiener Architektin Nerma Linsberger. Das runde Fenster in der Küche ist ihr liebstes Element der ganzen Wohnung. nermalinsberger.com

© Lisi Specht

Armin Ebner genießt es, den Raum zu inszenieren – und sich selbst gleich mit dazu. Einer seiner liebsten Orte ist das Wohnzimmer mit dem Divan in der Mitte, darauf Decken und Felle, im Hintergrund eine »Akari«-Stehleuchte von Vitra, Modell »14A« des japanischen Designers Isamu Noguchi, dahinter eine Fotografie von Marina Abramović aus der Serie »The Family A.«, ein Schocker mit Maschinengewehren. Erst kürzlich haben Ebner und seine Frau Susi Hasenauer die Wohnung neu gestaltet. »Ich glaube, ich empfinde so etwas wie Lust und Sehnsucht, mich in regelmäßigen Abständen neu zu erfinden«, meint der ­Architekt. »Ich bin immer auf der Suche nach der richtigsten Richtigkeit. Wahrscheinlich findet man die aber eh nie, weil man ja nie weiß, wann die Richtigkeit am richtigsten ist. Doch ich bin und bleibe ein Suchender.«

Space Oddity Die Wiener Weltraumarchitektin Barbara Imhof wohnt auf 80 Quadratmetern in einem Gründerzeitbau. Der klappbare Koch-Ess-Baderaum, dessen Funktion und Größe mittels einer Glaswand verändert werden kann, ist ein Eigenentwurf. liquifer.com

© Lisi Specht

Veränderung ist auch das Motto bei der Wiener Weltraumarchitektin Barbara Imhof. In ihrer 80 Quadratmeter großen Gründerzeitwohnung in der Brigittenau gibt es ein Bad, das man mit einer gläsernen Klappwand verkleinern und vergrößern kann. Im Hintergrund eine Collage aus Glasmosaikfliesen, eine gepixelte Fotografie, die Buzz Aldrin bei seinen ersten Schritten am Mond zeigt. »Ich mag es nicht, dass Baden, Duschen und Zähneputzen meist ins kleinste, dunkelste Kammerl verbannt werden«, sagt Imhof. »Also haben wir uns für eine mobile Lösung entschieden, bei der die einzelnen Raumfunktionen je nach Bedarf verändert werden können. Man nutzt Synergieeffekte, spart dadurch viel Fläche ein und gönnt sich den Luxus, plötzlich in einem 40 Quadrat­meter großen Badezimmer in der Badewanne zu liegen. Wo kann man das schon!«

»Hier probiere ich aus, was wir unter Umständen später auch unseren Kund:innen und Auftraggeber:innen empfehlen. Ich bin, wenn man so will, ein Versuchskaninchen unserer eigenen Arbeit.« – Armin Ebner über die Wohnung als Experimentierkammer

Charme in Serie Was einst eine klassische Gründerzeitwohnung war, ist nun eine lange Enfilade mit Flügeltüren und Kunst an den Wänden: »Ein eigenartiger Grundriss mit vielen aneinandergereihten Räumen, aber in gewisser Weise macht das ja auch den Charme einer Altbauwohnung aus.« atelier-heiss.at

© Lisi Specht

In gewisser Weise, sagt Imhof, denke sie beim Öffnen und Schließen der Glaswand an den Weltraum. Auch dort, sagt die passionierte Schwerelose, müsse man auf kleinstem Raum viele Funktionen unterbringen. Und das Thema zieht sich konsequent durch: »Wie man unschwer erkennt, bin ich – nicht nur jobbedingt – ein riesengroßer Weltraum-Fan. Ich habe Weltraumspielzeug, diverse Satelliten- und Weltraumaufnahmen von der Erde und einige Fotoabzüge von den Mondmissionen der Sechziger- und Siebzigerjahre.«

Immer am Ball bleiben Der Wiener Architekt Armin Ebner liebt es, seine Wohnung permanent zu verändern. Erst kürzlich hat er sein Refugium am Rudolfsplatz wieder einem kleinen Refurbishment unterzogen – und Vorhänge und Kunstwerke neu in Szene gesetzt. Im Hintergrund eine Porträtfotografie von Blue Noses. behf.at

© Lukas Ilgner
»Wenn man so viele Stunden an einem Ort verbringt, dann muss man sich auch einmal entspannen und ins Nichts schauen dürfen.« – Nerma Linsberger über Ruhezonen

Sehr oft, so scheint es, zieht es Archi­tekt:innen in den Altbau. Nerma Linsberger wohnt im Reumannhof in Margareten, einer riesigen Wohnhausanlage des Roten Wien, mit rund 450 Wohnungen, 1926 von Hubert Gessner errichtet. Das ehemalige Atelier im Dachgeschoß hat sie selbst saniert und mit hellem, weiß lasiertem Holzboden ausgelegt. Zwischen Wohn- und Schlafzimmer gibt es eine raumhohe Glaswand, verhängt mit weichen, mediterranen Vorhängen. »Weiß ist für mich ein Symbol für Weite, Ruhe, Offenheit«, sagt Linsberger. »Ich brauche diese Ruhe um mich herum, schließlich nutze ich die Wohnung auch als Atelier. Wenn man so viele Stunden an einem Ort verbringt, dann muss man sich auch einmal entspannen und ins Nichts schauen dürfen.«

Und Christian Heiss, der in Wien das ­Atelier Heiss leitet, wohnt mit Lebensgefährtin und Tochter in einer Gründerzeitwohnung, die er 2013 umgebaut hat: Wände rausgerissen, Stahlträger eingezogen, Stromleitungen ­erneuert, Fußbodenheizung verlegt, diverse Einbaumöbel entworfen. »Für sich selbst zu planen, also quasi Bauherr und Architekt in einer Person zu sein, ist mental stressig«, sagt Heiss, »doch ich glaube, dass man sich als Gestalter diese Fragen des Wohnens immer wieder selbst stellen muss. Zudem spürt man am eigenen Leib, was für ein Knochenjob es ist, Auftraggeber zu sein und wochen- und monatelang große Entscheidungen zu fällen. Respekt vor jedem, der das macht!«

Der Divan im Depot »Unsere Wohnung ist tendenziell ein Depot«, sagt Ebner. »Im Laufe des Lebens sammeln sich viele Dinge an. In unserem Fall sind das etwa Felle, Kunstwerke und Lampen des japanischen Designers Isamu Noguchi.

© Lukas Ilgner

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