© Boffi

Es sind die wohl berühmtesten acht Ecken der Welt: Das Wiener Geflecht ist per se eine Legende – warm, heimelig und vertraut. Und es ist ein Dauerbrenner, schaffen es doch nur wenige Designelemente, sich so lange so frisch zu halten.

09 . November 2020

Zuerst waren es nur die Sitz- und Lehnflächen von Stühlen, für die ­man sich einer indischen Flechttechnik aus Rattanhalmen bediente und die dank Michael Thonet zu internationaler Berühmtheit gelangten: Das Wiener Geflecht hat einen höchst spannenden Werdegang hinter sich. Neu war es ja nicht, denn schon im Barock und im Josephinismus gab es erste Möbelstücke aus den Wiener Werkstätten mit ähnlicher Anmutung. Über den regen Austausch der britischen Kolonien mit Asien kam die Technik nach Europa und wurde schließlich vom Erfinder des Wiener Kaffeehausstuhls als durchaus strapazierfähiges, alltagstaugliches Gebilde aus verwobenen Rattanstreifen für sich entdeckt. Ihm, der diesen »Popstar der Stühle« in Wien produzieren ließ, ist es auch zu verdanken, dass das Flechtwerk diesen Namen trägt.

Perfektes Netzwerk

Durch die verbreitete Verwendung des klassischen Wiener Kaffeehausstuhls, des berühmten Nr. 14, stellte sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so eine Art Instagram-Effekt ein: sehen, ausprobieren und weitersagen – aber eben nur analog. Die Neugier des genialen Grenzgängers und Möbelpioniers Thonet wurde schon damals mit einem wohl auch für ihn selbst unerwarteten weltweiten Erfolg belohnt, denn die Sesselikone mit dem charakteristischen Wiener Geflecht wurde als erstes »Massenmöbel« bis weit in die 1930er-Jahre millionenfach rund um den Globus verkauft.

Das wabenförmige Muster, das in sechs Arbeitsschritten langsam Form annimmt, schlug sich in sämtlichen Designs der inzwischen weit verstreuten Zweige der Thonet-Familie nieder: der in Turin ansässigen Gebrüder Thonet Vienna, Thonet in Frankenberg und Thonet im tschechischen Bystřice pod Hostýnem, die allesamt das einzigartige Erbe ihres gemeinsamen Vor­fahren mit Leidenschaft kultivieren.

Kleine Löcher, großer Auftritt

Nicht nur Adolf Loos, der vor allem von der Modernität des Geflechts angetan war, die den Designs eine wunderbare Leichtigkeit gab, sondern auch andere bedeutende Designer und Architekten wie Mies van der Rohe und Marcel Breuer setzten das Wiener Geflecht bei ihren Entwürfen ein und brachten den Kult um dieses zum Höhepunkt. Doch irgendwann wurde es plötzlich still um die sechs in Handarbeit und mit viel Fingerfertigkeit gezogenen Rattanfäden, die nur noch den Klassikern vorbehalten waren, wo sie schon immer Teil des Konzepts waren. Es musste erst ein Jahrtausendwechsel stattfinden, um das Wiener Geflecht aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Dafür aber so richtig: Der Reset-Knopf wurde gedrückt.

Fulminanter Neustart

Wir erinnern uns an die beginnenden 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts, als viele Möbelproduzenten in ihre Archive abtauchten, um ehemalige Designikonen wieder zutage zu fördern, sie aufzumöbeln und erneut auf den Markt zu bringen. Genau zu dieser Zeit wurde auch das Wiener Geflecht neu entdeckt und blieb im Zuge dessen längst nicht mehr auf die Sitzfläche eines Stuhls beschränkt.

Eine Vorreiterrolle nahmen dabei vor allem die Gebrüder Thonet Vienna ein, die sich mit jungen, kreativen Köpfen zusammentaten, um mit frischem Wind und neuen Ideen im Sinne des historischen Erbes eine neue Designsprache zu entwickeln. Ein genialer Schachzug, denn der Einsatz des Geflechts in den Entwürfen wirkt dabei wie eine Selbstverständlichkeit und gehört aus diesem Grund, neben dem über Dampf gebogenen Holz, zu den Erfolgsrezepturen des Unternehmens. Die geistreiche Idee, die bei manchem Möbelstück mitschwingt, schlägt so elegant die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft.

Wiener Charme reloaded

Letztlich waren es aber auch andere namhafte Möbelhersteller, die sich der Faszination der achteckigen Wabenstruktur, deren filigrane Durchlässigkeit und zeitlose Eleganz fasziniert, nicht entziehen konnten und sie zu ­einem charakteristischen Detail einiger Entwürfe machten – ein Leichtes, denn Copyright im klassischen Sinn gibt es keines. Doch das Wiener Geflecht wurde dabei oft auch auf elegante Art zweckentfremdet und bekam als dekoratives Element eine völlig neue Bedeutung.

So ziert es nicht mehr nur die Sitzflächen und Rückenlehnen von Sesseln, Hockern und Schaukelstühlen, die ohnehin hinter oder unter der sitzenden Person verschwinden, sondern lässt sich auch gerne als Schranktür, Tablett, Paravent oder Lampenschirm bewundern. In welcher Form auch immer das Wiener Geflecht aktuell die Wohnlandschaft bereichert, ungeschlagen bleibt der geschmeidige Sitzkomfort auf der in Streifen geschnittenen und geflochtenen Rinde der Lianenpalme, die mit ihren au­ßergewöhnlichen Eigenschaften und der ­einzigartigen Ausstrahlung bis heute die ­Design-Welt in ihren Bann zieht.

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