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Keine Farbe sagt so deutlich »Süden« wie diese: Ob mediterran, australisch oder japanisch, weiße Häuser lassen uns vom Sommer träumen und vor allem zur Ruhe kommen. Und klimagerecht sind sie dabei auch noch.

04 . Juni 2021 - By Maik Novotny

Die helle australische Sonne zeichnet die Silhouette eines Hauses in den Himmel. Viel braucht sie dazu nicht – nur einen weißen und einen schwarzen Stift. Weiße vertikale Striche, die oben mit klaren diagonalen Kanten abgeschnitten werden, eine abstrakte Geometrie. Eigentlich ist es ein halbes Haus, die neue Spiegelung einer älteren Doppelhaushälfte. Die weißen Striche sind dünne Holzlatten, die nach oben drei Giebel formen. Eine Tür und ein Fenster sucht man zuerst vergebens, bis man bemerkt, dass sich ein Teil der Fassade zur Seite schieben lässt. Zartweiß geht es auch im Inneren weiter. Ein Haus, das geradezu »Sommer« atmet. Passt schon, schließlich ist das von Architekt James Garvan entworfene North Bondi House nicht weit von Sydneys berühmtesten Strand, dem Bondi Beach, ­ge­legen – dem weißen Strand mit dem Ver­sprechen des ewigen Sommers.

TRAUM VOM SÜDEN

Schon immer waren weiße Häuser mit dem Traum vom Meer und mit dem idealisierten Süden verbunden. Le Corbusier war fasziniert von den weißgetünchten Häusern Nordafrikas und importierte deren abstrakte Klarheit nach Frankreich, wo er in den 1920er-Jahren seine ikonisch modernen Villen baute. Der mediterrane Gründungsmythos der Moderne, der vierte Congrès International d’Archi-tecture Moderne, fand passenderweise im Hochsommer 1933 auf einem Schiff im -Mittelmeer statt, der »S.S. Patris II«, zwischen Marseille und Athen. Die Folgen spüren wir noch heute: Wenn in Immobilienanzeigen und Einfamilienhauskatalogen von »Bauhaus-Stil« die Rede ist, kann man darauf wetten, dass sich eine (oft recht banale) weiße Box dahinter verbirgt.

Doch auch abseits dieser Klischees ist die Farbe Weiß bis heute trotz aller Nüchternheit aufgeladen mit Emotionen und Assoziationen: Nichts sagt so sehr »Süden« und »Sonne«, nichts verspricht so sehr metaphorisch Reinheit, Unschuld und Wiedergeburt. Weiß ist, ganz unmetaphorisch, die ideale Oberfläche für heiße Gegenden, weil es das Sonnenlicht reflektiert. Im April 2021 stellte das Team um Maschinenbauprofessor Xiulin Ruan ein revolutionäres »weißestes Weiß« vor. »Wenn Sie diese Farbe verwenden, um eine Dachfläche abzudecken, ist das leistungsstärker als die Klimaanlagen, die von den meisten Häusern verwendet werden«, so Ruan.

Doch es muss ja nicht gleich das weißeste Weiß sein, es genügt schon das handelsübliche. In mediterranen Ländern weiß man schon lange um die klimatischen und ästhetischen Qualitäten der Helligkeit. Beispiel: die Casa MM auf Mallorca. Auf den ersten Blick eine abstrakte Spielerei mit Formen: vier zueinander gruppierte und ineinandergesteckte Pultdächer, darin die Fenster als tiefe Einschnitte, und auch das Innere strahlt weiß. Elegant wie ein kubistisches Sommerkleid. Doch Architekt Oliver Hernaiz vom Büro OHLAB in Palma de Mallorca hat Farbe, Form und Öffnungen genau ausgetüftelt. Eine präzise thermale Analyse wurde vorgenommen, an den richtigen ­Stellen Raum für kühlende Brisen gelassen, die Größe und Tiefe der Fenster optimiert, damit die Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen bleibt. Das Ergebnis: In den heißen balearischen Sommern muss das Haus nicht gekühlt werden.

Eine Insel weiter, auf Formentera, wurde die mallorquinische Tradition von weißen Fassaden und Fliesen neu gedacht. Der katalanische Architekt Marià Castelló schuf mit der kleinen Villa Es Pou einen bis ins kleinste Detail austarierten Dialog von Weiß und ­Terrakotta, von Kühle und Wärme. Was von außen wie ein simpler Würfel erscheint, entpuppt sich als dreiteilige Wunderkammer: flache Gewölbe, luftige Fugen mit perforierten Wände, durch die der Wind zirkuliert und das Sonnenlicht Muster auf die Wand wirft. Denn eine weiße Oberfläche dient nicht nur der simplen Reflexion, sie ist auch das weiße Papier und die Leinwand, auf der das Licht zu zeichnen beginnt. Und von der Ferne be­sehen, bildet das Haus einen respektvollen Kontrast zu den warmen Erdtönen und den grünen Mandel- und Feigenbäumen der umgebenden Landschaft.

Doch das Weiß ist nicht nur den Regionen mit heißen, trockenen Sommern vorbehalten. Ganz im Sinne Le Corbusiers ist es ein globales Phänomen geworden, mit eigenen lokalen Spielarten. Nicht nur geografisch weit entfernt von spanisch-rustikaler Massivität haben japanische Architekten wie Sou Fujimoto und die Pritzker-Preisträger Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa von SANAA filigrane Metallgitter und zarte Stahlstützen in Weiß getaucht, um dem Raum dazwischen alle Freiheit und Poesie zu lassen. Aber vielleicht ist es das, was die faszinierende Nicht-Farbe der Architektur rund um die Welt verbindet: Sie hilft uns, zur Ruhe zu kommen.

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