© Jacques Schumacher

Vitra Design Museum: Ein Einblick in die »Memphis. 40 Jahre Kitsch & Eleganz«-Ausstellung

Das italienische Design-Kollektiv Memphis zählt zu den außergewöhnlichsten Erscheinungen im Design der letzten Jahrzehnte. Zum 40. Gründungsjahr der Gruppe gibt die Ausstellung »Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz« in der Vitra Design Museum Gallery anhand von Exponaten wie Möbeln, Leuchten, Schalen, Zeichnungen, Skizzen und Fotografien einen Einblick in die Welt von Memphis.

08 . Februar 2021

Es entstand im Winter 1980/81, als sich um den italienischen Designer und Architekten Ettore Sottsass eine Gruppe junger Designer versammelte, die aus den Dogmen des Industriedesigns ausbrechen wollten. Das Diktat des Funktionalismus überwinden, das Banale oder Alltägliche feiern und die Regeln des guten Geschmacks brechen: Das waren die Ziele des Design-Kollektivs Memphis.

Zum 40. Gründungsjahr der Gruppe gibt die Ausstellung »Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz« in der Vitra Design Museum Gallery anhand von Exponaten wie Möbeln, Leuchten, Schalen, Zeichnungen, Skizzen und Fotografien nun einen Einblick in ihre Welt.

 

Der Anfang, der Durchbruch und das Ende

Bereits im September 1981 erlangte das Design-Kollektiv Memphis mit der Präsentation ihrer ersten Kollektion in der Mailänder Galerie Arc’74 internationale Aufmerksamkeit. Die Entwürfe wirkten mit ihren schrillen Farben und Mustern wie aus einem Comic entsprungen und prägten einen völlig neuen Look, in dem sich Popkultur, Werbeästhetik und Postmoderne zu einem wilden Mix verbanden. 

Der endgültige Durchbruch erfolgte 1982, als Modezar Karl Lagerfeld seine Wohnung in Monte Carlo mit Memphis-Möbeln einrichtete. Schon die Namensfindung der Gruppe hatte einen Hauch von Glamour: Der Name »Memphis« stammt angeblich aus Bob Dylans Song »Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again«, der bei einem der ersten Treffen der Gruppe lief.

Viele Memphis-Mitglieder standen bei der Gründung der Gruppe am Anfang ihrer Laufbahn und wurden durch Memphis weltweit bekannt. So sind Matteo Thun und Michele De Lucchi bis heute international als Industriedesigner tätig. Die Ausstellung zeigt neben De Lucchis Tisch »Kristall« (1981) auch seinen Stuhl »First« (1983), bei dem kugelförmige Aufsätze auf den Armlehnen den Sitzenden wie Planeten umkreisen. De Lucchis 1981 entstandener Stuhl »Riviera« wiederum gibt bereits eine Kostprobe der Pastellfarben, die der Designer wenige Jahre später auch bei einer Serie experimenteller Haushaltsgeräte für Philips einsetzen sollte. Diese Entwicklung ist kennzeichnend für die rasante Verbreitung der Memphis-Einflüsse, die das Design und die Alltagsästhetik in den 1980er Jahren bunter und spielerischer werden ließen.

Ein weiteres wichtiges Memphis-Mitglied war Nathalie Du Pasquier, die die Ideen der Gruppe auf raffinierte Textilmuster und Interieurentwürfe übertrug. Ihre Zeichnungen sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie Skizzen des amerikanischen Architekten Michael Graves, der lose mit der Gruppe verbunden war. Zu den wichtigsten Memphis-Objekten zählen zudem Sottsass’ raumgreifende Regalentwürfe, darunter das Modell »Beverly« (1981), das in der Ausstellung zu sehen ist. Der Entwurf vereint seltsam disparate Elemente wie einen Chrombügel, eine bunte Glühbirne und Laminate in Wurzelholz- und Schlangenhautoptik in einer meisterhaften Komposition zwischen Kitsch und Eleganz.

Bis zur abrupten Auflösung der Gruppe 1987 blieb Memphis ein eher loser Zusammenschluss gleichgesinnter Designer, von denen manche auch nur einzelne Entwürfe beisteuerten. Trotz der kurzen Zeit ihres Bestehens sind die Geschichte und der Einfluss der Gruppe legendär. Die Ausstellung in der Vitra Design Museum Gallery ist eine Hommage an die kurze, aber umso intensivere Ära der Gruppe Memphis, deren Energie und Gestaltungswille bis heute faszinieren. Oder, wie Barbara Radice es formulierte: »Memphis zog aus, um das Image des internationalen Designs zu verändern, und es wählte den effektivsten, direktesten und verwegensten Weg.«

Initiator von Memphis: Architekt und Designer Ettore Sottsass

Initiator und Vordenker von Memphis war der italienische Architekt und Designer Ettore Sottsass, der bei der Gründung der Gruppe bereits auf eine längere Laufbahn zurückblicken konnte. Seit den 1960er Jahren hatte er mit skulpturalen Möbeln experimentiert, die er als »Totems« bezeichnete und mit bunten Plastiklaminaten beklebte. 

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