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Das brasilianische Design-Duo Humberto und Fernando Campana hat Upcycling zur Kunstform erhoben. Porträt zweier kreativer Querdenker, die der Designwelt ihren Stempel aufgedrückt haben.

12 . August 2019 - By Manfred Gram

Wenn es kein Etikett gibt, mit dem sich Neues oder Unbekanntes zusammenfassen lässt, muss man eines erfinden. Die­­­­se Erfahrung machte auch das Brüderpaar Humberto und Fernando Campana. Als die zwei brasilianischen Designer in den 1990er-Jahren ihren internationalen Durchbruch schafften, wusste niemand so recht auf Anhieb, wie man die von Kreativität überbordenden Arbeiten des Duos einschätzen sollte. Man hatte ein bunt zusammengewürfeltes Durcheinander vor sich. Hochwertige Hightech-Materialien und edle Hölzer auf der einen Seite, Recyclingware wie Plastikschläuche, Holzreste oder Gummimatten auf der anderen. Alles scheinbar willkürlich arrangiert und dann doch mit großer Kunstfertigkeit verarbeitet. Glücklicherweise wurde ein knackiges Schlagwort gefunden, das ziemlich genau beschreibt, was einen beim Eintritt in den Designkosmos der Campanas erwartet: die tropische Moderne.

»Brasilien hat eine sehr vielfältige und farbenfrohe Kultur. Unsere Arbeit übernimmt viele dieser Einflüsse.«Humberto Campana über Inspirationsquellen für das Campana-Design

Culture Clash

Also – hereinspaziert in eine Welt, in der Schutt und Dämmstoffen, ausrangiertem Bast, Lederresten und elendslangen Seilen neues Leben eingehaucht wird. Ein pulsierendes Leben übrigens, das versucht, den Spirit,den Geist Brasiliens respektive der Millionenmetropole São Paulo wiederzugeben. 

Im Finanzzentrum Brasiliens und zugleich einer der bevölkerungsreichsten Städte der Erde arbeiten und leben nämlich die Campanas. Hier studierten sie auch. Humberto, der ältere der beiden Brüder, Rechtswissenschaften, Fernando Architektur. »São Paulo ist eine bipolare Stadt. Nachts, wenn sie Schatten wirft, ist sie magisch. Tagsüber finde ich sie hässlich, brutal, traurig. In dieser Stadt geht es um existenzielle Dinge – ums Atmen. Das treibt an, Dinge zu entwerfen«, gab Humberto einmal zu Protokoll. Der Einfluss der Stadt und des Landes auf den kreativen Output der zwei Design-Autodidakten lässt sich jedenfalls nicht abstreiten: »Brasilien hat eine sehr vielfältige und farbenfrohe Kultur. Unsere Arbeit übernimmt viele dieser Einflüsse«, so der 66-jährige Humberto. Und die Campanas zeigen dabei immer wieder Mut, die Alltagsprovisorien, die man in den Favelas und Armenvierteln sieht und die den Menschen das Leben erleichtern, in ihre Arbeiten auf­zunehmen. Dabei halten sie auch alte Handwerks­traditionen und Techniken am Leben. Wenn man will, haben die Campanas kreative Notlösungen, die man auf den Straßen der brasilianischen Millionenstädte sieht,
zur Kunstform gemacht. Das zeigt sich in gewisser Weise auch in einem ihrer bekanntesten Entwürfe: dem »Banquete Chair«.

Animalischer Plüsch

Die Legende will es, dass es das Duo Anfang der Nullerjahre satthatte, Sessel mit traditionellen Materialien aufzupolstern. Ein paar Schritte raus aus dem Atelier brachten dann die Lösung, erblickte man doch einen Straßenverkäufer, vollbepackt mit allerhand Plüschtieren wie Teddybären, Löwen und Krokodilen. Was dann folgte, ist jüngere Designgeschichte. Die Campanas eilten nämlich zum nächsten Markt, kauften den einen oder anderen Plüschtier-Stand leer und verarbei­tete diesen Friedhof der Kuscheltiere zu den ersten »Banquete Chairs«. 

Der kunterbunte Plüschzoo, als große Kuschelwolke auf elegante Edelstahlbeine drapiert, schlug ein wie eine Bombe und ist mittlerweile ein Design-Evergreen. Fendi und Disney ließen eine streng limitierte Serie anfertigen, und als sich das rappende Gesamtkunstwerk Kanye West (»I hate being bipolar, it’s awesome«) als Fan des Sessels outete, war das auch nicht unbedingt popularitätsmindernd. Zuletzt präsentierten die Campanas bei der Design Miami eine Kooperation mit dem New Yorker Pop-Art-KünstlerKAWS, der den Knuddelstuhl der Brüder mit seinem ikonischen Tierchen BFF veredelte.

Gute Partnerschaft

Dass die ausufernden Entwürfe und anarchischen Möbel-Collagen der Campanas dem
einen oder anderen zu viel werden könnten, weiß das Duo natürlich. Und es spielt damit: »Natürlich ist es Kitsch. Aber guter Kitsch, den man würdigen sollte. Es muss ja nicht
immer alles skandinavischer Minimalismus sein«, betrachtet Humberto etwa immer
wieder gerne mit selbstbewusstem Witz das eigene Schaffen. Ein Schaffen, das nicht beim Designen von Sesseln und Stühlen endet. Auch wenn diese, wie der berühmte »Vermelha Chair«, dessen Sitzfläche und Lehne aus 500 Metern verknüpfter Cordschnur be­stehen, einen zentralen Teil im Werkkatalog des Duos einnehmen. 

Man macht auch Mode. Unter anderem eine T-Shirt-Serie für Lacoste, die ausschließlich
aus überdimensionierten Logo-Krokodilen bestand. Für Alessi wurden Obstkörbe aus feinen Drahtgittern und Tischchen, Spiegel und Fruchtschalen aus spitzen Edelstahl­stäben kreiert. Und auch Louis Vuitton steht auf der Auftraggeberliste der beiden. Zur gefeierten Möbel- und Designserie »Objets Nomades« steuerten sie etwa die eiförmige Hängeschaukel »Cocoon« bei und formten das organisch anmutende Sofa »Bomboca«. 

Und: Das Brüderpaar wird natürlich auch als Interior-Designer aktiv und gestaltet Hotelzimmer, Museen oder Shops wie den viel beachteten Store der Kosmetikmarke Aesop in ihrer Heimatstadt São Paulo. Was man dabei immer spürt und als Essenz herauskitzeln kann, ist die tiefe Verneigung vor den Techniken, Mustern und Materialien ihrer Heimat. Tropische Moderne eben.

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