© Mark Glassner, Andreas Jakwerth

Thomas Mick und Stephan Vary: Midcentury Modernist

Der Perfektionismus, mit dem der Designer Thomas Mick seine Wohnung in Wien gemeinsam mit dem Architekten Stephan Vary bis ins kleinste Detail geplant hat, hat sich ausgezahlt. Und nicht nur im Sinne des Wohnkomforts im Midcentury-Stil. Die Komposition aus funktionalem Design, feinsten Materialien und handwerklichen Raffinessen wurde gerade mit dem »Best of Interior«-Award 2020 ausgezeichnet. Ein Hausbesuch.

08 . Februar 2021

Es ist ein recht unscheinbares Gründerzeithaus in einer ruhigen Seitengasse in der Wiener Josefstadt. Im ersten Stock liegt die Wohnung von Thomas Mick. Schon bevor die neue Tür geöffnet wird, ist klar, dass man von einer Hülle niemals auf die Fülle schließen darf. Ein Eindruck, der sich sofort bestätigt. Im Vorraum wird man von einem Kunstwerk von Peter Kogler begrüßt und tritt auf einen Boden aus Eiche, der im französischen Stil von Handwerkern aus Paris verlegt wurde. Gleich rechts, in der kleinen Bibliothek, hängt ein großer Vorhang aus feinstem Loro-Piana-Kaschmir, eine Wand weiter hängt ein Bild von Claudia Schiffer als »One Minute Sculpture« von Erwin Wurm. Doch genug mit dem Namedropping!

Bei der Begrüßung durch den Hausherrn schwingt noch ein leichter Kärntner Dialekt mit, den sich der 50-Jährige bewahrt hat, obwohl er seinen Heimatort Friesach bereits mit 18 Jahren verlassen hat. Seit mehr als zehn Jahren lebt er hauptsächlich in Paris. Dort arbeitet der Designer und Betriebswirt als Design-Chef des Luxuskonzerns LVMH. 

Deshalb ist die Wohnung in Wien derzeit auch sein Zweitwohnsitz, den er gemeinsam mit dem Wiener Architekten Stephan Vary bis ins letzte Detail durchdacht, geplant und von Grund auf neu gestaltet hat. Es war nicht ihr erstes gemeinsames Projekt. Vary und Mick haben nicht nur gemeinsam an der Universität für Angewandte Kunst in Wien studiert, sie arbeiten seit Jahren miteinander an Projekten, unter anderem für Dior, Rimowa oder Hennessy. Kürzlich erst haben die beiden eine private Villa in den Hollywood Hills in Los Angeles fertiggestellt. Das »Projekt« im 8. Bezirk in Wien wurde gerade mit dem »Best Of Interior«-Award 2020 ausgezeichnet.

Interview mit Architekt Stephan Vary und Designer Thomas Mick

Gratulation zum »Best of Interior«-Award! Wie groß ist die Freude darüber?
Thomas Mick: 
Natürlich ist es eine schöne Bestätigung, wenn man so viel positives Feedback bekommt. Vor allem, wenn man als Architekt und Designer bei so etwas mitmacht und sieht, dass das Konzept verstanden und die Qualität gesehen wurde …
Stephan Vary: …und das nicht nur vordergründig und oberflächlich. Sondern, dass bei diesem Projekt die richtigen Fragen gestellt und eben auch richtig beantwortet wurden.

Welche Fragen haben Sie gestellt?
Mick: 
Mir ist immer wichtig, dass ich bereits am Anfang ein Thema habe. Allein dadurch lenkt man die Diskussion oder auch Inspiration in eine gewisse Richtung, die man natürlich modern interpretiert wie ein Theaterstück. Wir leben ja heute und nicht damals. Hier war es das Thema Midcentury, das in einer Mischung aus französischem Lebensstil, einigen Reminiszenzen an Paris und durch die Aufteilung der Wohnung auch den Aspekt Wien natürlich nicht vernachlässigt. Das Schöne hier ist, ­dass es sehr viel handwerkliche Qualität gibt.
Vary: Nahezu jedes Möbel wurde für diese Wohnung eigens designt. Das sind natürlich
tolle Voraussetzungen, wenn man eine Woh­nung ­von Grund auf durchkomponieren kann. Normalerweise ist die Vorgabe eines Bauherrn, dass verschiedene Stücke mitgebracht werden und eingeplant werden müssen. Das war hier nicht der Fall.

Welchen Ansatz hatten Sie beim Design?
Mick:
Ein Sideboard ist ein Sideboard, und ein Tisch ist ein Tisch. Ich halte nichts von irgend­welchen expressiven Designansätzen, wo man sagt, dass alles neu erfunden werden muss. Adolf Loos hat das Veredeln von Teilen schon zelebriert. 
Vary: Man kann Dinge zeitgemäß interpretieren oder ihnen eine persönliche Note geben. Das ist der Vorteil, wenn man etwas von Grund auf einrichtet und herstellen lässt. 
Mick: Es ist dann eben wie ein Maßanzug. Ein Anzug bleibt auch ein Anzug, aber ein Maßanzug sitzt wahrscheinlich ein bisschen besser.

Plant man als Designer anders, wenn es um die eigene Wohnung geht?
Mick: 
Für mich war die Vorgabe, dass das Ergebnis eigentlich so wie ein Kaschmirpullover sein muss. Ein Lieblingsstück, das man in der Früh anzieht und weiß, dass man sich immer darin wohlfühlt.

Inspirieren sich Ihre professionellen und privaten Projekte auch gegenseitig?
Mick: 
Natürlich, zum Beispiel die Leuchten im Badezimmer haben hier ihren Ursprung. Mittlerweile hängen sie in einem größeren Maßstab als Hängelampen in der Lobby des Dior-Headquarters.
Vary: Bei der doppelten Verglasung bei den Oberschränken in der Küche, wo auf einen Spiegel ein Rillenglas gesetzt wurde, um Tiefe und einen seidigen Glanz zu erzeugen, war es umgekehrt. Die wurde schon im Zuge der Arbeit für Dior »getestet« und funk­tioniert hier auch gut.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in der Wohnung?
Mick:
Die Küche. Ich bin ein begeisterter Koch! Hier halte ich mich sicher am meisten auf. Und wenn man, so wie ich, eine große Küche bevorzugt, dann spricht sehr vieles dafür, dass sie aus kommunikativen Gründen in den Wohnraum integriert wird. 
Vary: Deshalb ist die Küche auch kein besonders anders gestaltetes Möbel, sie hat die gleichen Oberflächen und Details, wie man sie in der restlichen Wohnung findet. Sie ist ein Bestandteil der Wohnung, wie ein Sofa oder ein Couchtisch.

Sie arbeiten viel miteinander. Wie inspirieren Sie sich gegenseitig?
Vary:
Die Vorbereitung für diese Wohnung hat etwa ein Jahr gedauert. Der Austausch findet sehr viel über Visualisierungen statt, ­bei denen man schon einen guten Überblick über Materialien und Formabstimmungen bekommt. Und dann schickt man sich natürlich auch gegenseitig Fotos.
Mick: Es steckt sehr viel Recherche und Austausch in jedem einzelnen Möbel hier.

Können Sie ein Beispiel geben?
Vary:
Die Esszimmersessel etwa sind von Arne Jacobsen. Ursprünglich sollten sie mit einem tweedartigen Stoff überzogen werden. 
Mick: Ich bin dann aber im Zuge meiner Recherchen auf einen Stoff gekommen, der in der frühen 1980er-Jahren im VW-Golf verarbeitet wurde. Das Unternehmen hat uns das Musterbuch aus der Zeit zur Verfügung gestellt, und der Stoff wurde dann von einem Stoffhersteller exakt nachgearbeitet. Das ist genau der funny Part, wenn man sich intensiv mit Dingen auseinandersetzt, die dann dazu inspirieren, sie anders zu verwenden.

Best of Interior 2020: 40 private Wohnkonzepte

Callwey

Das Siegerprojekt des »Best of Interior«-Awards ist in diesem Porträt zu sehen. Weitere Wohn-Projekte hat Autorin Janina Temmen ­für dieses Buch besucht, beschrieben und mit Herstellernach­weisen versehen. Inspirierend und informativ!
Verlag: Callwey
Preis: 61,70 Euro

© Callwey

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