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Swiss Design: Mehr als nur schnörkellose Klarheit

Solide, dauerhaft, aber ein bisschen langweilig? Weg mit den Klischees! Denn das Schweizer Design von heute ist vielfältig und mehrsprachig, innovativ im Handwerk und sehr, sehr bunt. Eine Rundreise zu den Gipfeln helvetischer Gestaltung.

20 . September 2020 - By Maik Novotny

In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!« Jeder kennt den legendären Monolog von Orson Welles in der Rolle des Kriminellen Harry Lime im Film »Der dritte Mann«. Kein Wunder, ist es doch ein griffiger und pointierter Satz. Er ist nur leider komplett falsch.

Mehr als Uhren

Die Schweiz hat natürlich weit mehr hervorgebracht als die Kuckucksuhr und tut das heute, 71 Jahre nach dem »Dritten Mann«, mehr denn je. Denn Schweizer Design verdankt seine Berühmtheit eben nicht der Tatsache, dass in solider Langeweile immer dasselbe hergestellt wird, sondern dass das kleine Alphorn-Alpenland geradezu ein Füllhorn von immer neuen Ideen ist. Es ist ein Land der produktiven Gegen­sätze: die ungebrochene Tradition des guten Handwerks; die Hochschulen, die zu den Besten Europas gehören; die Klarheit und Zeitlosigkeit einer Helvetica-Schrift; das ikonische Corporate Design der Schweizer Bundesbahnen; die sinnlichen Einflüsse und Möbel-Innovationen aus Italien; die FREITAG-Taschen aus recycelten Lastwagenplanen und ihr nicht endender Siegeszug um die Welt; eine Landesflagge, die wohl das beste ikonische Markendesign für ein Land weltweit darstellt; das Allzweckwerkzeug des Schweizer Taschenmessers – und ja, natürlich auch das: die Uhren.

Die heutige Schweizer Design-Landschaft bietet all dies und mehr, sie ist bunter als je zuvor. Eine kleine Rundreise: Da wäre zum Beispiel das vielfarbig schimmernde geriffelte Keramik-Set »Iridescences«, das der junge Designer Dimitri Bähler aus Biel gemeinsam mit Maurizio Tittarelli Rubboli entwickelte. Der matte, edle Glanz resultiert aus einer Technik, die im 15. Jahrhundert aus dem Orient nach Italien gelangte.

Perfekter Komfort

Nächster Halt: Zürich. Hier, zwischen Produktion, Kunst, Architektur und dem Flughafen als Tor zur Welt, fühlen sich Designer besonders wohl. Einer davon ist This Weber, dessen Möbel die Solidität von gut verarbeitetem Holz mit sanft geschwungenen Sitz­flächen und vor elastischer Weichheit fast berstenden Polstern kombinieren. Man möchte sofort Platz nehmen auf diesen Stücken perfekt ausgewogenen Komforts.

Dann weiter nach Lausanne, wo Augustin Scott de Martinville, Elric Petit und Grégoire Jeanmonod seit 2004 unter dem Namen Big-Game firmieren. Die Studenten der renommierten Kunsthochschule École cantonale d’art de Lausanne (ECAL) blieben einfach gleich dort – ihre Kooperationen allerdings umspannen den Globus: Messer für den französischen Klassiker Opinel, Leuchten für AGO aus Korea oder für Bomma aus der Tschechischen Republik; Kunden von Alessi, Hay, Karimoku, Ligne Roset, Muji bis Nespresso, und sogar ein Regal für Ikea. 2013, nach nicht einmal zehn Jahren, schafften die drei von Big-Game es schon in die permanente Kollektion des MOMA.

Ganz nebenbei zeigt ihre Kollektion auch, dass ein weiteres Eidgenossen-Klischee nicht stimmt: dass die Schweizer keinen Humor hätten. »Dass Designer wie Big-Game an dem Ort bleiben, wo sie studiert haben, sagt einiges über die Schweiz«, so Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week, die die Schweizer Szene seit Langem beobachtet. »Die ECAL ist einfach die europäische Kaderschmiede für alles, was das Luxussegment bedient, das können die einfach richtig gut. Die Dichte an hervorragenden Design-Schulen ist gemessen an der Größe des Landes außerordentlich.«

»In der Schweiz gibt es viele Gestalter, die handwerklich so gut sind, dass sie das Handwerk ganz anders denken können. Schweizer Design ist viel mehr als nur schnörkellose Klarheit.«
Lilli Hollein, Vienna Design Week

Mehr als schnörkellos

Ein Einblick in die Schweizer Design-Gegenwart wird sich im Herbst in Wien eröffnen, denn die Schweiz ist Gastland bei der Vienna Design Week, die vom 25. September bis 4. Oktober virtuell stattfindet. »In der Schweiz gibt es viele Gestalter, die sehr materialspezifisch arbeiten und handwerklich so gut sind, dass sie das Handwerk ganz anders denken können«, lobt Hollein die alpinen Nachbarn. »Aber es gibt genauso auch Gestalter, die im Industriedesign zu Hause sind.«

Bei der Vienna Design Week war die Schweiz ohnehin bisher ein verlässlicher Gast, sagt Lilli Hollein. »Auch deshalb, weil man sich dort längst über Klischees hinweggesetzt hat. Schweizer Design ist einfach viel mehr als nur schnörkellose Klarheit.« Diese Vielfalt zeigt sich besonders bei der jüngsten Generation der Schweizer Design-Schaffenden.

Doch die Klischees sind schon viel länger passé. Weiter auf der helvetischen Rundreise mit einem Zwischenstopp in La Neuveville: Hier hat das 1991 gegründete atelier oï ein ehemaliges Motel aus den 1960er-Jahren zur Firmenzentrale erkoren und in »Moïtel« umbenannt. Aurel Aebi, Armand Louis und Patrick Reymond haben sich damit bewusst an der deutsch-französischen Sprachgrenze positioniert, denn schließlich sind es gerade die Unterschiede, die die Schweiz aus-machen und die zu neuen Ideen inspirieren. Dementsprechend vielfältig ist das Portfolio des Trios mit dem Trema auf dem i: vom Sofa über Leuchten bis zum Teppich, vom Restau-rant über die Szenografie bis zur lässigen Leder- Hängematte für Louis Vuitton.

Vibrierende Farbe

Noch mehr bunte Vielfalt gefällig? Bei der vielsprachigen Designerin Claudia Caviezel gerät die Farbe ins Vibrieren. In ihren Textildesigns (für Vivienne Westwood), ihrer Keramik und ihren Innenräumen scheint sich die Farbe vor lauter Intensität vom Objekt zu lösen und ein Eigenleben zu bekommen. Gesprühte und überlagerte Flächen verschmelzen mit- und laufen in­einander, die Farbe bekommt Tiefe und wird zu einer eigenen Welt.

Hier verschwimmt einmal die Grenze zur Kunst komplett, einmal findet die Farbe ihren Weg in ganz alltägliche Produkte, wie einen Bettbezug für Atelier Pfister. Genau diese Marke wurde 2010 vom etablierten und mehrfach preisgekrönten Designer Alfredo Häberli für das Schweizer Einrichtungshaus etabliert und fungiert als Portal für junge Designer in die Welt der Produkte – der Katalog als Generationen­vertrag und als Garant für frisches Blut in der Schweizer Produktkultur. Pech für Harry Lime. Glück für alle anderen.

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