© Manifesta 12

Der Klimawandel macht uns berechtigte Sorgen. Keine Zeit für Schönheit also? Moment! Denn immer mehr umweltbewusste Designer:innen finden gerade hier ihre Bestimmung. Häuser, Interieurs und Kunstinstallationen verbinden Ökologie und Biologie mit hoher Ästhetik.

12 . Mai 2022 - By Maik Novotny

Der Essensgong ertönt alle sieben Stunden. Nein, genau gesagt, kein Gong, sondern ein leises Rauschen. Sobald auf der schottischen Isle of Skye die Ebbe einsetzt, taucht im Schlick eine Austernbar auf. Tische und rot gepolsterte Sitzbänke werden von den Fluten freigegeben. Darin integriert: Gitterboxen, in denen sich Muscheln, Austern und Algen angesiedelt haben. Zehn lokale Restaurants bewirten hier, die Idee für das Projekt »Climavore« stammt vom Londoner Künstlerduo Daniel Fernández Pascual und Alon Schwabe, die unter dem Namen Cooking Sectionsfirmieren.

SCHÖNES ERMAHNEN

Klingt etwas zu bemüht? Denken Sie noch mal nach und schauen genauer hin. Denn Cooking Sections widmen sich in ihren -Arbeiten den Effekten des Klimawandels auf unsere Nahrungsproduktion. In Schottland gefährdet die globale Erwärmung die Existenz der Meeresfrüchte, und auch in südlichen Gefilden sind Cooking Sections aktiv. Für die Manifesta in Palermo kleideten sie 2018 einen Platz in gelbe Netze, wie sie in der sizilianischen Landwirtschaft üblich sind. So erzeugten sie um die Bäume des Platzes ein Mikroklima, mit Mess-Stationen für den Wasserhaushalt, ein prekäres Thema angesichts der inzwischen bis zu 50 Grad hochglühenden sizilianischen Sommer. Schön, mahnend und lehrreich zugleich.

Fast wie neu Aber eben doch nicht ganz: Die Villa Welpeloo von Superuse in den Niederlanden verwendete recyceltes Holz aus alten Kabeltrommeln. superuse-studios.com

© Allard van der Hoek

Die Klimaberichte des IPCC zeichnen ein immer düstereres Bild von der globalen Zukunft eines immer heißer werdenden Planeten. Ist angesichts dieser Szenarien überhaupt Zeit, um sich um Design zu kümmern? Ja, natürlich. Denn Design kann hier einen Beitrag leisten, und Architektur erst recht. Denn über 40 Prozent der CO2-Emissionen weltweit kommen aus der Bauindustrie. Im März 2021 legten Architects for Future dem deutschen Bundestag eine Petition vor, die mehr kreislaufgerechtes Bauen forderte. Beispiele dafür gibt es schon – etwa die Villa Welpeloo in den Niederlanden aus wiederverwertetem Kabeltrommelholz oder die cleveren Re-Use-Aktivitäten der Architekturkollektive Rotor in Belgien und BauKarussell in Wien, die Bauteile vor dem Abbruch retten und wieder in den Materialkreislauf einspeisen. 

Harte Kante gegen den Klimawandel zeigt das Powerhouse Telemark in Norwegen, das mehr Energie produziert, als es verbraucht. snohetta.com

© Schüco

Im ­September 2021 stellte sich in Deutschland die Initiative »NOW – Bauwende jetzt« vor, ein Zusammenschluss aus nachhaltigen ­Bau-Start-ups, die ein massives Umsteuern der deutschen Baupolitik fordern.

Das weiß auch die Bauwirtschaft schon. Da ist zum Beispiel Powerhouse, eine Gruppe von Firmen, die Konzepte für CO2-negative Gebäude entwickeln. Eines davon, das ­Powerhouse Telemark, wurde von den Osloer Architekten Snøhetta im norwegischen ­Porsgrunn geplant, ein schwarzes, scharfkan­tiges Ding, gefüllt mit flexiblen Büroräumen und Co-Working-Spaces. Dieses wird während seiner Lebenszeit mehr Energie produzieren, als es verbraucht. Schön und elegant ist es auch. »Architektur hat die Aufgabe, eine bessere Umwelt für alle Lebewesen zu erschaffen«, resümiert Snøhetta-Chefdesigner Kjetil Thorsen, »und die Technologie für energie­positive Bauten ist auf dem Markt. Es gibt keine Ausrede mehr.« Snøhetta plant, innerhalb der nächsten 20 Jahren sicherzustellen, dass alle ihre Projekte CO2-neutral sind.

Luftige Boxen Die »Jardines en el aire« in Sevilla machen die Stadt grüner, und sie duften auch noch gut. jardinesenelaire.com

© Foto beigestellt
»Architektur hat die Aufgabe, eine bessere Umwelt für alle Lebewesen zu erschaffen.« – Kjetil Thorsen, Architekt, Snøhetta

SCHÖNES BEGRÜNEN

Doch es muss nicht nur wirtschaftlich-technisch umgedacht werden. Der Klimawandel lässt sich auch poetisch-ökologisch bekämpfen, sprich: mit gärtnerischen Mitteln. Das heiße Spanien macht’s vor. Eine Initiative zur Renaturierung im Stadtviertel Tres -Barrios-Amate von Sevilla setzt begrünte Pflanzkisten vor Fassaden und wurde mit dem European Bauhaus Prize ausgezeichnet. Der kuratierte Pflanzenduft und die nächtlich-festliche Beleuchtung machen die Ökologie hier zur Fiesta, der schöne Name »Jardines en el aire« erklärt sich von selbst. Und im steinernen Barcelona darf die Flora dank der Landschaftsplaner Estudio MataAlta mit hoher Biodiversität auf den flachen Dächern wuchern und zur Kühlung beitragen. Hier summen die Bienen über den Ramblas und der Avenida Diagonal.

Dach-Landschaft Klimaadäquates Gärtnern mit hoher Biodiversität auf den Dächern von Barcelona. mataalta.com

© Malta Alta Studio

HÖREN MIT PILZEN

Diese schöne Ökologie lässt sich auch in die Wohnung holen. Nein, nicht nur in Form von Blumentöpfen, sondern auch als wohltemperiertes Design, nämlich mit neuen Biomaterialien, am besten aus regionaler Herstellung. Im südfranzösischen Arles durfte Atelier Luma für Frank Gehrys neues Museum ein Circular Design Lab einrichten, das Bioplastikpaneele aus dem Meersalz der nahe gelegenen Camargue entwickelte und für das Interieur Sonnenblumen und Algen verarbeitete.

Natürliche Abstraktion Atelier Luma produziert in Arles Baustoff aus Landschaft: Paneele aus dem Salz der Camargue, aus Algen und aus Sonnenblumen. atelier-luma.org

© Henna_Films

Wer gerade nicht in der Camargue wohnt, darf sich mit den »Foresta«-Akustik-Wandpaneelen begnügen, die aus Holz und Mycel hergestellt wurden – ja, genau, aus winzigen Pilzgeflechten. Das ist nicht nur natürlich, sondern erzeugt auch eine optisch weiche und akustisch hocheffiziente Ober-fläche. Und wurde mit dem German Design Award 2022 für Excellent Product Design ausgezeichnet. Dreimal dürfen Sie raten, in -welcher Kategorie. Genau: Öko-Design

Wie bitte? Die Akustikpaneele »Foresta« von Mogu werden auf Basis von Mycel hergestellt und sind mit ihrer pilzig-weichen Oberfläche so schön wie effektiv. mogu.bio

© mugo / Filippo Piantanida

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