© Lukas Ilgner

Patrizia Moroso im exklusiv LIVING-Interview

Patrizia Moroso hat sich mit Herz und Gefühl dem Design und der Kunst verschrieben. Als Kreativ-Direktorin des gleichnamigen Familienunternehmens schart sie eine Zahl namhafter Designer um sich, um neue Ästhetik für ihr Label zu kreieren. Je origineller, desto besser. LIVING traf sie zum Talk in Wien.

21 . April 2018 - By Angelika Rosam

Patrizia Moroso ist so etwas wie eine Design-Institution, obwohl sie sich  selbst nicht als solche sieht. Artdirektorin nennt sie sich, gerne auch Kuratorin, die ihre Nachwuchsdesigner liebevoll in ihr Team einbindet, um Neues, Inspirierendes fürs Unternehmen zu kreieren. Mitte der 1980er-Jahre stieg der personifizierte Inspirationsquell ins gleichnamige Familienunternehmen in Udine ein und startete eine raketengleiche Karriere. Binnen weniger Jahre gelang es der empathischen Italienerin, Moroso als international anerkannte Designmarke zu etablieren und heutigen Designer-Stars wie Ron Arad oder Patricia Urquiola den Karriereweg in der Branche buchstäblich zu ebnen. »Es ist eine Ehre, für Moroso zu arbeiten«, brachte es jüngst Tom Dixon auf den Punkt. Und auch Doshi Levien gehört zu denjenigen, die mit der 59-Jährigen experimentierfreudig Neues wagen.
Dass Patrizia Moroso ein großes Faible für Wien hat, führt sie auf gelungene Kooperationen mit Partnern zurück. Zum einen hatte das Moroso-Team ein »Motel One« eingerichtet, und zum anderen konnte nun auch das Formdepot die kulinarikaffine Kreativ-Ikone für eine Zusammenarbeit in der Hauptstadt gewinnen.

Mit dem österreichischen Künstler Andreas Reimann hat Patrizia Moroso eine Möbelkollektion entworfen.

© Lukas Ilgner

LIVING: Sie haben eine ganz spezielle Verbindung zu Wien. Wie kam es dazu?
Patrizia Moroso: Ich mag diese Stadt. Und ich mag die Menschen, die hier wohnen. Ich habe bereits seit vielen Jahren berufliche Verbindungen zu Wien und hier immer wieder tolle Kooperationen finalisiert. 

Derzeit mit dem Formdepot … 
Das Formdepot hat es geschafft, ein neues Konzept für eine neue Art des Shop-Verkaufs zu entwickeln. Das gibt es nicht oft, und es hat mich inspiriert. Eingebettet in originelles Architekturdesign, findet man hier das unterschiedlichste Interior attraktiv präsentiert. Die Formdepot-Truppe ist für mich Pionier für eine neue Verkaufsmethode am Markt. Am Anfang war es ein Projektstudio, jetzt stellen mittlerweile insgesamt 35 interessante Brands dort aus. Die Art der Präsentation ist alles.

Was passiert, wenn das schiefläuft?
Das Prozedere einer Idee beginnt im Kopf des Designers. Die verantwortliche Firma transferiert diese Idee in ein Objekt und überlegt, wie man damit den Kunden erreichen kann. Wenn man dem Kunden die Seele eines Projekts richtig vermittelt, hat man den perfekten Job gemacht. Ein schlecht durchdachter Shop kann diesen Prozess wieder zerstören, indem kontraproduktiv präsentiert wird. Der Kunde hat keine Lust mehr, das Objekt zu kaufen. Beim Formdepot ist es das Gegenteil.

Das Formdepot konnte Sie auch für eine Kooperation mit dem österreichischen Künstler Andreas Reimann gewinnen. Es ist bekannt, wie sehr Sie die Zusammenarbeit mit Künstlern ganz generell schätzen. Was ist für Sie die Besonderheit dabei?
Mit einem Künstler zu arbeiten ist immer eine Herausforderung. Deshalb ist Design geradezu prädestiniert, eine künstlerische Verbindung einzugehen. Künstler haben einen anderen Zugang zum Design als Designer selbst. Wie sieht der Künstler die Funktion eines Design-Objekts? Welche Punkte sind ihm wichtig? Was ist seine Vision dabei? Wir haben bereits mit vielen Künstlern gearbeitet, die mich sehr inspiriert haben. Marina Abramovic zum Beispiel oder Daniel Libeskind – um nur einige Großartige zu nennen. Derzeit stellen wir ein Projekt mit dem Contemporary Artist Olafur Eliasson vor. Er ist ein besonderer dänischer Künstler isländischer Herkunft.

»Ich will es ein wenig verrückt!«, Patrizia Moroso 

Sie sprechen meistens von »wir«. Mit wem treffen Sie Ihre Entscheidungen, was mit wem und wie im Moroso-Unternehmen passiert?
Ich sehe mich als Artdirektorin und Kuratorin des Unternehmens. Ich habe das Glück, viele ganz wunderbare talentierte Designer in meiner Firma zu haben, mit denen ich mich austauschen kann. Patricia Urquiola zum Beispiel. Wir sind ein Team, und ich liebe Teamwork. Aber ich suche nicht danach, sondern ich warte, was mir das Schicksal bringt. 

Was muss ein Designer mitbringen, damit er für Ihr Label entwerfen kann?
Wir suchen stets nach Ideen und Objekten, die eine neue Ästhetik oder neue Funktionen besitzen. Aber ich gehe nicht ständig neue Kooperationen ein. Mir sind beständige Beziehungen wichtiger. Mit manchen Desi­gnern kooperiere ich schon seit über 20 Jahren. Ich möchte ein solides Team, das verlässlich, kreativ und in seinem Tun unterschiedlich ist. Jeder trägt seine eigene Handschrift, und so entstehen dann auch die unterschiedlichsten Herangehensweisen an die Objekte.

Wie wichtig ist für Sie die Verschmelzung von Kunst, Kultur und Design?
Enorm. Es hat für mich etwas Friedliches und beruhigt mich. Egal, ob Architektur, Design, Fotografie, bildende Kunst oder Musik – kann man mit diesen Bereichen eins werden, versteht man auch, worauf es bei der Produkt­gestaltung ankommt. 

Was interessiert Sie persönlich mehr – für die Öffentlichkeit zu arbeiten oder ein privates Refugium mitzugestalten?
Das hängt ganz davon ab, was der Kunde von uns will. Unsere Firma ist in erster Linie eine Produktionsstätte, die Objekte wie Tische, Sofas und andere Möbel entwirft, um ein perfektes Ambiente für unsere Kunden zu kreieren. Wir haben bereits im Contemporary- Bereich gearbeitet, wir haben verrückte wie moderne Dinge entworfen, Skulpturen kreiert oder wirklich multifunktionelle Arbeiten gefertigt. Oder aber wir werden beauftragt, bei einem Projekt Räume mitzugestalten. Wir haben ein kleines Designstudio in unserer Firma, das es erlaubt, für verschiedene Projekte Interior-Ideen mit einzubringen. Ob Hotels, Galerien oder Büros – wir lösen die Probleme und erfüllen die Wünsche unserer Kunden. Das hat bei uns Priorität, jeder Auftrag inspiriert, und diese Arbeit füllt uns in jeder Hinsicht aus. 

 

»Ich würde mein Zuhause als charmantes Desaster bezeichnen. Ich will keine Perfektion. Ich brauche verrückte Dinge um mich herum, die anders sind. Stücke mit Charakter eben.« Patrizia Morosoüber ihre privaten Vorlieben

Was macht für Sie persönlich einen Raum besonders gemütlich? 
Das Licht hat bei der Raumgestaltung einen großen Stellenwert. Damit steht und fällt die Gemütlichkeit und das Leben, von dem ein Raum profitiert. Der Mix aus Materialien und Stoffen kann einen Raum völlig verändern – im Guten wie im Schlechten. Wir haben sehr viel Erfahrung mit Textilien, so können wir dem Kunden meist zufrieden­stellende Vorschläge präsentieren. Und natürlich kommt es darauf an, ob es um ein Hotel oder eine Privatwohnung geht.

Aber was ist nun Ihr persönlicher Stil? Wie richten Sie Ihr eigenes Zuhause ein?
Ich komme viel in der Welt herum und reise sehr gerne. Egal, wo ich bin, ich nehme immer ein kleines Andenken mit nach Hause. Ich würde mein Zuhause als charmantes Desaster beschreiben. Ich kombiniere und mixe alles, was mir so unterkommt. Oft nehme ich aus der Firma Prototypen mit zu mir, oder ich karre Mobiliar an, das in der Firma übrig geblieben ist und das niemand wollte. Ich will keine Perfektion in meinem Haus. Ich brauche verrückte Dinge um mich herum, die anders sind und originell. Stücke mit Anspruch und Herz, die den Grund vermitteln, warum man sie so entworfen hat. Stücke mit Charakter eben.

Kein Platz für Durchschnitt also? 
Ich liebe Experimente. Ich betreibe mein Haus auch als »open house«. Die Räumlichkeiten sind wie ein großes Loft und eignen sich perfekt für Shootings für unsere Kataloge. Patricia Urquiola hat es inszeniert und designt.

Gibt es das Wort Trend in Ihrem Repertoire?
Ich folge keinen Trends, sondern meinen eigenen Ideen und Vorstellungen. Farben sind wichtig für Stimmungen und somit wichtig für unsere Kreationen. Farben können viele positive Emotionen ausdrücken, aber auch nachdenklich machen. Und dabei spielt es keine Rolle, welche Farbe gerade im Trend liegt.

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