© Office Lenne Estonia KAMP-Arhitektid dezeen

Einsame Topfpflanze im grauen Einerlei? Da geht noch mehr! Von der Natur inspirierte Interieurs und Möbel holen den ganzen Wald ins Office, laden zur Salaternte und machen das Grün im Büro zum ganzheitlichen biophilen Design.

17 . April 2019 - By Maik Novotny

Shinrin Yoku nennen es die Japaner. Es bedeutet so viel wie »Baden im Wald« und bezeichnet einen entspannten Naturspaziergang mit Mehrwert: einatmen, meditieren, alle Sinne auf Empfang stellen. Shinrin Yoku ist inzwischen ein globaler Trend geworden und dabei weit mehr als nur ein vorübergehender Lifestyle-Spaß. Die positive Wirkung des Kontakts zur Natur ist aktenkundig, medizinische Studien weisen sogar eine Steigerung der Immunabwehr nach.

Kein Wunder, dass das Grün längst Einzug in die Innenräume gehalten hat und dort zur Stärkung von Arbeitskraft und Erholung dient. Nein, es geht hier nicht um den Gummibaum im Eck und den Ficus neben dem Schreibtisch. Green Offices werden seriös und ganzheitlich betrieben. Im 12. Stockwerk des Londoner Wolkenkratzers The Shard ist das erste Büro zu Hause, das im Biophilic Design eingerichtet wurde, sprich den Prinzipien der Natur entsprechend. Eine Welle aus Bambusholz schafft naturnahe Geborgenheit, die Möbel sind ebenfalls aus Bambus, die Lichtfarben folgen einer astronomischen Uhr. Die Mitarbeiter wechseln im Monatsrhythmus zwischen biophilem und nicht-biophilem Büro, ein Forscherteam wird die Unterschiede auswerten.

Sommerwald im Büro

Doch man muss nicht gleich zum Versuchskaninchen werden, wenn man von einem grünen Arbeitsumfeld profitieren will. Die Mitarbeiter der estnischen Bekleidungsfirma Lenne verbringen ihren Werktag im Wald: Die Architekten vom Büro KAMP verteilten fünf Meter hohe (echte) Baumstämme mit (künstlichen) Blättern in den weiten Hallen und kombinierten sie mit einer Bürolandschaft aus kantigem, hellem Holz, um die Wirkung eines hellen Sommerwalds zu er­reichen. Mit überraschenden Folgen: »Nach einer Woche spross aus einem der Stämme sogar ein echter grüner Zweig«, erinnert
sich Architekt Jan Skolimowski.

Im Büro der Leping Foundation, einer Pekinger NGO, ist das Grün so real, dass die Mitarbeiter es sogar ernten können: Die von der Decke hängenden hydroponischen Plantagen lassen Salate und Gewürze wachsen, die in der Mittagspause verzehrt werden. Dazwischen sorgen sie für gute Luftqualität, die elektronisch überwacht und in Echtzeit angezeigt wird. Darunter sorgt ein künstlicher, aber grüner »Mini-Berg« für Komfort auf allen (schiefen) Ebenen, eine Laufstrecke durchs Büro lädt zur sportlichen Betätigung ein. Japanische Waldentspannung, kombiniert mit chinesischem Arbeitsethos.

Es muss nicht ein ganzer Wald oder eine ganze Blattgrünplantage ins Büro verräumt werden, manchmal genügt es auch, wenn die Inneneinrichtung die entsprechende Atmosphäre verströmt. »Waldkante« nennt sich ein Wandverkleidungssystem, das vom oberösterreichischen Möbelbauer TEAM 7 entwickelt wurde. Dafür wurde unbehandeltes Naturholz zu einer dreidimensionalen Tapete geschichtet, die an die Struktur einer Baumrinde erinnert und somit haptisch und optisch den Wald in Wohn- und Arbeitszimmer holt.

Organische Formen

Von der Wanddekoration zum Möbel: Ein wahres Gesamtkunstwerk aus Holz ist das Modell »Tama Desk«, das die Wiener De­signer EOOS für Walter Knoll entwarfen. Hier wird das Holz nicht 1:1 aus dem Wald importiert, sondern behandelt und verfeinert wie ein Musikinstrument. Eine geschwungene Tischplatte ruht auf organisch geformten Stützen, darunter schwingt sich ein Sideboard elegant hindurch. Eine Skulptur fürs Office, die aussieht, als hätte sich der Bildhauer Henry Moore bei einem langen Shinrin-Yoku-Waldspaziergang dazu inspirieren lassen.

Wer es einfacher haben will, darf sein Büro natürlich mit Outdoor-Möbeln ausstatten, um den Garten und damit das Versprechen von Freiheit und Freizeit in Sichtweite zu haben. Zum Beispiel mit dem zart-filigranen Armlehnenstuhl »Folia« von Lederleitner, dessen luftiges metallenes Geflecht die Struktur eines Blatts nachzeichnet. Hier lässt sich das Business-Telefonat ebenso führen wie der heimliche Tagtraum vom Schweben durch lichte Wälder. Tief einatmen.

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