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Ruhige Farbwelten, geschwungene Linien, multifunktionale Möbel und dann auch noch die 1980er-Jahre. 2021 nimmt auf allen Ebenen Druck raus und setzt auf Gemütlichkeit und Spannung.

02 . Dezember 2020 - By Manfred Gram

Prognosen die Zukunft betreffend zu erstellen, ist ein zweischneidiges Schwert. Liegt man richtig, gibt’s Jahre später noch Applaus. Umgekehrt sorgen Analysen, die ins Nirgendwo hinein prophezeit wurden, für große Erheiterung, Spott und Schadenfreude. Charlie Chaplin war anfangs überzeugt, dass das Kino lediglich eine Modeerscheinung sei, die sich nie gegen echte Theaterbühnen durchsetzen würde. Nobelpreisträger Paul Krugman soll gesagt haben, dass das Internet ähnlich viel Einfluss auf die Wirtschaft haben werde wie das Faxgerät – also einen eher gegen null tendierenden. Und Steve Ballmer, in den Nullerjahren Microsoft-Chef und einer der mächtigsten Manager der Welt, bescheinigte einst dem iPhone äußerst geringe Erfolgschancen. 

Der Blick in eine nähere Zukunft ist – ein bisschen – einfacher. Schließlich gibt es Tendenzen und Indizien, die sich verdichten lassen. Zumindest im Wohn- und Interieur-Bereich. Kein reines Kaffeesudlesen, aber dennoch ein Drahtseilakt, der gewisse Restrisiken birgt, sich die Finger zu verbrennen. Was, wenn sich der Megatrend als Rohr-krepierer erweist? Oder eine kleine Nischenerscheinung, der null Bedeutung beigemessen wurde, zum Mainstream-Hit wird? 

Robert Blaschke, Raumbau Architekten

Robert Blaschke

»Die eigenen Wände werden für die nächsten Jahre das Maß aller Dinge sein.« 

© Robert Blaschke

Malstunde

Als sichere Bank bei Trendvorschauen gelten seit jeher die Farben, die in der kommenden Saison wichtig sind. Einschlägig bekannte
Unternehmen ermitteln sie üblicherweise mit Branchenexperten und postulieren sie dann zeitnah zum bevorstehenden Jahreswechsel. Für 2021 lässt sich in dieser Hinsicht eine deutliche Richtung erkennen. 

Erdige, aber ruhige Töne werden angeschlagen. Nicht zu kräftig, nicht zu schwach. Vor allem auf Grün mit hohem Grauanteil und Beige mit sichtbarem Braun- und Grauanteil konnte man sich einigen. Man merkt: Grau ist nicht nur alle Theorie, sondern auch die Hintergrundkomponente der Farbtrends im nächsten Jahr. Allerdings nicht nur. Man darf auch Akzente setzen. Am besten mit ­edlem Aubergine, das nicht zu dunkel und nicht grell sein sollte – gerne auch in Kombination mit floralen Mustern. Denn die Idee, sich mit Farben, Mustern und Formen Natur in den Wohnraum zu holen, wird weiterhin verfolgt. 

Das kommt nicht aus dem Nichts. »Gerade Städter, denen ein Stück Natur ja aufgrund
­des nicht vorhandenen Gartens, Balkons oder Terrasse fehlt, sehnen sich danach«, erklärt
Sabrina Haindl. Sie leitet das preisgekrönte Unternehmen uniek/innenarchitektur und ist Jurorin beim Austrian Interior Design Award, der nächstes Jahr im Frühling vergeben wird. Sie weiß auch, dass Natur beim Wohnen nicht bei der Farbwahl aufhört. »Wir gehen weg von Kanten und Ecken. Es war jetzt alles lange genug ›aalglatt‹. In der Natur wächst auch nicht alles gerade, sondern hat eigene Formen.« 

Den Bogen raushaben

Diese Tendenz hat sich schon länger abgezeichnet. Jetzt werden Designs zusehends runder, geschwungener, kurviger – bei Sofas und Polstermöbeln, Stühlen oder natürlich Accessoires. »Vielleicht ist es das Verlangen nach Harmonie und Geborgenheit«, meint dazu Robert Blaschke vom Salzburger Ar­chitektur- und Designbüro Raumbau Architekten und erinnert sich: »Ich weiß nicht, warum Rundungen so lange verpönt waren. Ich verwende sie schon lange wieder. Etwa bei unserem Küchenblock ›T1‹, den wir bereits vor sechs Jahren mit Starkoch Roland Trettl für Lohberger entworfen haben.«

Das Runde schlägt also das Eckige. Zudem greifen Ideen wie diese oder eben auch die (Wieder-)Entdeckung der Natürlichkeit in andere Design-Bereiche über. Einmal einen Trend geortet, schärft das natürlich die subjektive Wahrnehmung, und er ist plötzlich überall. Bei der Wahl der Materialien etwa: »Das Haptische wird immer wichtiger. Man will sich ›festhalten‹ und etwas Robustes und Stabiles in der Hand haben«, analysiert Sabrina Haindl. Das erklärt auch den momentan verstärkten Einsatz von Keramik, Beton, Stein oder auch Glas bei der Material­wahl. Zentral ist für Haindl dabei auch die Kombination von verschiedenen Oberflächen.

Das sieht auch Robert Blaschke so und erzählt: »Eine Ausgewogenheit der Haptik ist wichtig. Nur grob ist bald einmal zu rustikal, aber grobe mit feiner Haptik kombiniert, kann immense Spannung erzeugen.« Wichtig bei der Materialwahl ist also immer der Kontext, wo und was gerade eingerichtet wird, wie der Experte erzählt. Kurzum: Im urbanen Umfeld wählt man andere Materialien aus als im alpinen.

Clever kombiniert

Überhaupt verändert sich momentan das Wohnumfeld stark. Räume wachsen zusammen und werden mehrfach genutzt. »Die Begrenzungen im eigenen Haus werden durchbrochen, und mehr Kommunikation und das Miteinander können besser stattfinden«, meint die Innenarchitektin Sabrina Haindl. Das ist nicht zuletzt auch der Covid-Krise geschuldet. »Die eigenen Wände werden für die nächsten Jahre, wenn nicht das nächste Jahrzehnt, das Maß der Dinge sein! Ich glaube, dass das Thema ›Homeoffice‹ dabei auch eine sehr große Rolle spielen wird«, ist sich Robert Blaschke sicher. 

Die Industrie reagiert bereits darauf und entdeckt modulare und multifunktionale Möbel wieder neu. Wie das in der Praxis -aussieht? Der Couchtisch lässt sich etwa - zum Esstisch umfunktionieren, Hocker sind gleichzeitig Ablageflächen, in Sofas werden Bücherregale integriert. Clevere Mehrfachnutzung und schlaue Platzlösun--gen sind also in den nächsten Jahren gefragt. Insbesondere dann, wenn jetzt tatsächlich die privaten Räume auch zum Arbeitsraum avancieren. 

Sabrina Haindl, uniek/Innenarchitektur

uniek

»Wir suchen Veränderung und orientieren uns dabei an der Natur und ihren Formen. Alles war jetzt lange genug immer gerade und aalglatt.«

© uniek

Zurück in die Vergangenheit 

Von Visionen dieser Art war man in den 1980er-Jahren noch weit entfernt. Vielleicht mit ein Grund, dass dieses Jahrzehnt in nächster Zeit ein Revival feiert. Es kann aber auch ganz banal daran liegen, endlich eine Lücke zu schließen. Denn nach den Stil-Comebacks von 50er-, 60er-, 70er- und 90er-Jahren ist jetzt diese Dekade an der Reihe. Und ja, es war nicht alles schlecht, was damals so das Licht der Welt erblickt hat. Und die knalligen Farben und zackigen Muster dieser Zeit haben neu interpretiert durchaus das Zeug dazu, ein kleines, postmodernes Nostalgieschmunzeln zu erzeugen. Sicher nicht das Schlechteste in – Achtung Floskel! – Zeiten wie diesen.  

Farben

Pantone enthüllt seine Farbe des Jahres erst kurz vor Weihnachten. Gut, dass Marktmitbewerber wie Dulux, Benjamin Moore oder Graham & Brown vorpreschen. So lassen sich bereits jetzt Tendenzen feststellen. Einerseits stehen erdige, naturnahe Farben, die Ruhe ausstrahlen, hoch im Kurs. Aber auch Pastelliges wie das »Aegean Teal«, ein eleganter Mix aus Grün, Blau und Grau, wird man öfter sehen. Andererseits ist es auch erlaubt, kräftigere Statements zu setzen. Etwa mit Lila. Nach wie vor präsent bleiben zudem Anspielungen auf Fauna und Flora – sowohl bei Farbe als auch bei Mustern. 

Formen

Ecken, Kanten und strikte geometrische Formgebung dominierten die letzten Jahre. Wenn es nach den Designern geht, ist in nächster Zeit Schluss damit, und Rundungen rücken in den Mittelpunkt. Was sich also mit Vasen, Kerzenhaltern und Spiegeln angedeutet hat, setzt sich fort. Kaum ein Hersteller, der Sofas, Couches und Stühlen zurzeit keine kleinen Abrundungen verpasst. Durchaus ein cleverer (Trend-)Schachzug, denn einerseits erzeugen organische Formen Gemütlichkeit und wirken in ihrer Heimeligkeit nicht minder elegant als klare Linien. Andererseits werden auch nostalgische Gefühle geweckt. Besonders dann, wenn dabei mit flauschigen Stoffen gearbeitet wird. 

Material

Es ist kein Geheimnis: Man will das Material, aus denen die Dinge gefertigt sind, spüren und erleben. Wenn dieses auch noch natürlichen Ursprungs recycelt oder nachhaltig ist, umso besser! Hat man dann noch das Gefühl, etwas Schönes und Wertiges in der Hand zu haben, wurde der Haptik-Jackpot geknackt. Holz, Bast, Bambus sind in dieser Hinsicht Dauerbrenner. Zusehends kommt es beim Materialeinsatz auch zu einer Art »Verrohung«. Indizien: Stein und Beton werden als Werkstoffe geschätzt. Vor allem aber schaffen immer mehr Designer zurzeit Wohnaccessoires aus Glas und Keramik, mit denen sie die Grenzen zwischen Skulptur und Gebrauchsgegenstand ausloten. 

Modular Space

Dass heute im Schlafzimmer gebadet wird und sich Familienleben in Wohnküchen abspielt, kennt man ja. Jetzt wird neben Räumen das Interior multifunktional und passt sich großen und kleinen Raumgegebenheiten an. Das kann mitunter avantgardistisch anmuten – etwa, wenn Schreibtische an der Zimmerdecke montiert sind und einfach herabgelassen oder hinaufgezogen werden. Vieles ist aber einfach nur von praktischen Gedanken getragen. Couchtische, die in wenigen Handgriffen zu Esstischen werden, Hocker, die auch ein Regal sind, oder Sofas mit integrierten Ablagen für Bücher etwa. 

Modern 80s

Es war nur eine Frage der Zeit bis zum 80er-Revival. Jetzt ist es da, und – na ja – es war nicht alles schlecht, was damals auf die Menschen losgelassen wurde. Pickt man das Gute heraus und bearbeitet es aus der heutigen Perspektive, kommt durchaus Spannendes heraus. Schließlich hat in tristen Zeiten niemand etwas gegen knallige, von der Pop-Art inspirierte Farben oder eine Wiederbelebung des postmodernen Memphis-Designs. Allerdings sollte alles mit Maß und Ziel geschehen. Man hört sich ja selbst bei der größten Nostalgieliebe kein ganzes Spandau-Ballet-Album mehr an.  

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