© Diller

Die Architekturgeschichte wird von männlichen Stars dominiert. Dabei haben zahlreiche Frauen Maßstäbe in der modernen Architektur gesetzt. Höchste Zeit, dass diese Pionierinnen gebührend geehrt werden.

09 . November 2020 - By Karin Cerny

Würde man mich auch eine Diva nennen, wenn ich ein Mann wäre?«, fragte die 2016 verstorbene Star-Architektin Zaha Hadid einmal provokant. Sie setzte sich in einem Feld durch, das von Männern dominiert wird – 2004 erhielt sie als erste Frau den Pritzker-Preis, die bedeutendste Ehrung in ihrem Berufszweig. Doch nach wie vor werden Architektinnen schlechter bezahlt und schneller vergessen als ihre männlichen Kollegen. Lange Zeit wurde Frauen lediglich zugestanden, sich um Design und Innenausstattung zu kümmern. Kühne Entwürfe traute man ihnen nur bedingt zu. Bei Architekturbüros, die von Paaren geleitet werden, werden die Frauen meist an zweiter Stelle genannt.

Star-System

Bereits 1989 veröffentlichte die postmoderne Architektin und Theoretikerin Denise Scott Brown ihren Text »Room at the Top? Sexism and the Star System in Architecture«, in dem sie beschreibt, wie die gemeinsamen Projekte mit ihrem Mann Robert Venturi zunehmend als sein Werk betrachtet wurden. 1991 wurde ihm allein der Pritzker-Preis zugesprochen. Während er zum internationalen Star avancierte, blieb sie für viele einfach nur seine Ehe­frau. Dabei betonte er stets selbst, dass sie als Team aktiv seien. »Sein Wunsch wurde fast vollständig ignoriert. Ich beobachtete, ­wie er vor meinen Augen und teils auf Basis unserer gemeinsamen Arbeit und der Arbeit unserer Firma zu einem Architektur-Guru hochstilisiert wurde«, erinnert sich Scott Brown.

Kommunikative Orte

Sie musste 87 Jahre alt werden, um im Vorjahr ihre erste große Einzelausstellung »Downtown Denise Scott Brown« im Wiener Architekturzentrum zu erleben. Dabei war sie in vielem ihrer Zeit voraus: Sie erforschte das Phänomen der Zersiedelung, lenkte den Blick von Prachtbauten auf Alltägliches, betonte bereits in den 1960er-Jahren, wie wichtig es sei, dass kommunikative Orte entstehen.

»Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden, dass die Präsenz von Architektinnen in Museen gesteigert wird«, sagt Angelika Fitz, Leiterin des Wiener Architekturzentrums. Ihr Anliegen ist es, in Einzelausstellungen herausragende Archi­tek­tinnen zu beleuchten. Für 2021 ist eine mexikanische Position geplant, erzählt Fitz, die aber noch keinen konkreten Namen nennen möchte.

Schön, aber harmlos

Natürlich möchten viele Architektinnen nicht ständig das Frauenlabel umgehängt bekommen. Sie wollen für ihre Arbeit geschätzt und nicht in eine Schublade gesteckt werden. 2017 veröffentlichte die dänische Architektin Dorte Mandrup eine viel beachtete Polemik: Sie sei es leid, immer als »female architect« eingeführt zu werden und als solche Nischenpreise zu bekommen. Weibliche Architektur solle »schön, aber harmlos« sein: keine Wolkenkratzer, keine Türme, kein Wettbewerb. Die Frage, ob Frauen denn anders bauen, ist in der Tat schwierig zu beantworten, führt sie doch meist auch wieder bloß zu Klischees.

Das Rohe, das Brutale, das Gewagte scheint den Männern vorbehalten zu sein, obwohl die Architekturgeschichte eine andere Sprache spricht. Die kühnen, reduzierten Entwürfe der amerikanischen Architekturpionierin ­Judith Edelman (1923–2014) haben nichts ­anbiedernd Liebliches. Die brasilianische Architektin Lina Bo Bardi (1914–1992) erzählte einmal, sie habe das Kompliment bekommen, dass man ihren brutalistischen Entwürfen gar nicht ansehen würde, dass sie von einer Frau stammen. In anderen Worten: Sie sei so gut, dass sie fast als Mann durch­gehen würde, bringt es Mandrup in ihrer Polemik auf den Punkt.

Mariam Kamara, Architektin aus Niger

Mariam Kamara Mentor

»Ich mag es, wenn Dinge klar sind. Einfach, aber elegant, das ist die Richtung, in die ich gehen möchte. Etwas, das eine Seele hat, aber ziemlich schlicht ist.«

© Mariam Kamara Mentor

Ehefrau-Syndrom

Auch wenn sich Architektinnen nicht auf ihr Geschlecht reduzieren lassen wollen, werden sie trotzdem ständig damit kon­frontiert. »Bei weiblichen Architekten wird zuerst ihre Persönlichkeit beurteilt, bevor ihre Gebäude ­besprochen werden«, fasst es die britische Architektin Jane Hall zusammen, die gerade den Fotoband »Breaking Ground. ­Architecture by Women« herausgegeben hat, der herausragende Entwürfe von Frauen versammelt.

Auch einige Paare sind dabei. Das britische Architektenduo Alison und Peter Smithson hat abseits des Kreativen bereits in den 1950er-Jahren neue partnerschaftliche Wege beschritten. Die beiden waren gleichermaßen für den Alltag mit ihren drei Kindern verantwortlich. Man präsentierte sich öffentlich als Duo, das man nicht auseinanderdividieren kann. Das Ehefrau-Syndrom hatte keinen Platz.

»Bei weiblichen Architekten wird zuerst ihre Persönlichkeit beurteilt, bevor ihre Gebäude besprochen werden.«

Jane Hall, Architektin und Autorin, Großbritannien

Sterbende Dörfer

Gerade bei jungen Architektinnen merkt man ein neues Selbstbewusstsein. Mariam Kamara, die in Niger ein Architekturbüro leitet, wird als kommende Stararchitektin gehandelt. Sie sucht innovative Wege, um lokale, erneuerbare und günstige Materialien zu verwenden, traditionelle Techniken mit modernem Wissen zu verknüpfen. Und sie bringt Afrika auf die globale Architekturlandkarte. Die Pekinger Architektin Xu Tiantian entwickelt Strategien gegen die Landflucht. Ihre Methode, um sterbende Dörfer miteinander zu verbinden und deren Identität zu stärken, bezeichnet sie als »architektonische Akupunktur«.

»Als Architektin bleibst du immer ein Außenseiter. Aber das ist okay, ich mag es, am Rand zu stehen«, hat Zaha Hadid stets betont. Vielleicht ist dieser frische Blick von außen gar nicht schlecht. In jungen Jahren war die renommierte US-Architektin Elizabeth Diller Hausbesetzerin – und wollte Kunst studieren. Mittlerweile ist sie einer der renommiertesten Architektinnen unserer Zeit. Ihre Querdenker-Mentalität hat sie sich in ihren Bauten, die viel Platz für Performatives und Soziales lassen, zum Glück bewahrt. Auch das ist eine Qualität von Architektinnen: Sie gehen ungewöhnliche Wege.

Breaking Ground, Architecture by Women

Phaidon

Um Sichtbarkeit muss gekämpft werden, betont die Architektin und Autorin Jane Hall im Vorwort. Ihr Standardwerk zeigt über 200 Gebäude, die von Frauen entworfen ­wurden. Einige von ihnen sind bereits Stars, andere gilt es erst zu entdecken. Verlag: Phaidon, Preis: 39,95 Euro

© Phaidon

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