© Piero Biasion

Was wäre die Mailänder Designszene ohne Rossana Orlandi? Nun, mit Sicherheit um viele Eindrücke, kreative Talente, großartige Avantgarde und positive Emotionen ärmer. Der LIVING-Besuch bei einer Galerie-Ikone mit Seltenheitswert.

08 . Oktober 2021 - By Angelika Rosam

Der kleine, charmante Innenhof in der Via Matteo Bandello 14 ist kein unbekanntes Pflaster in der ­Mailänder Design­szene. Bewachsen mit fast einhundert Jahre alten Erdbeertrauben, ist dieser verwilderte Platz nicht nur Blickfang vieler Besucher, sondern auch die Kreativschmiede von Galeristen-Ikone Rossana Orlandi. Seit rund 20 Jahren betreibt die kultige 76-jährige Italienerin, die ursprünglich aus der Fashion-Welt kommt, dort ihre Galleria Rossana, eine der wohl bekanntesten Plattformen für außergewöhnliches Avantgarde-Design.

Das Designstudio Mayice hat diese originellen Lichtstäbe kreiert – sie sind in der ­aktuellen Kollektion von 2021 zu bewundern. 

© Piero Biasion

Rossana und ihre Familie

Ja, eine wahre Fundgrube ist diese Galleria, eine Art Ali-Baba-Höhle, die bis zum Rand mit einer eklektischen Sammlung aus Möbeln und Objekten gefüllt ist, die wahllos gemischt werden. Seit 2002 ist dieser Ort eine wichtige Andockstation für die Designwelt und ­Rossana die Protagonistin. Sie hat die Art und Weise, wie Design präsentiert wird, ­revolutioniert, fordert und fördert ihre Designer-Sprösslinge – »la mia famiglia« – und zeigt mit dem »Guiltless Plastic«-Projekt große Verantwortung in Zeiten von Mikroplastik und steigenden Temperaturen - ihre wichtigste Initiative und ein ganz persönliches Anliegen seit Bestehen der Galerie.
Bei einem Espresso und einem Croissant ­lernen wir die vor Energie sprühende Signora mit der großen weißen Brille endlich kennen. Es war ein äußerst angenehmer Talk in ihrem atmosphärischen Innenhof und Rossana schwebte geradezu im Glück. Auch wenn ein Kulturevent das Nächste jagte, der Terminkalender überzuquellen drohte, inklusive eines Besuchs von Kronprinzessin Mary von Dänemark: Die Branche schien ­nach der Pandemie-Pause endlich zurück zu sein und mit ihr die vielen guten Emotionen und Design-Interessierte, die wieder Leben in ihr Künstler-Eldorado bringen. »Ist es nicht herrlich«, so unser aktueller LIVING-Cover-Star, »wir haben wieder Kontakt mit Menschen, können uns austauschen und Interessen teilen.«

Und so haben wir noch viel nachgefragt:
Lesen Sie das Interview über die Auswirkungen von Covid-19, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, das Erfolgsrezept »Emotion« und warum Rossana Orlandi am liebsten mit Leonardo da Vinci dinieren ­würde.

LIVING: Wir sitzen hier in Ihrem wunderbaren Garten und dürfen nach eineinhalb Jahren wieder die Design Week in Mailand genießen. Was war für Sie als Galeristin die größte ­Herausforderung während des Lockdowns?
Rossana Orlandi: Ich und wir alle hier sind mit einer völlig neuen Welt konfrontiert worden. Es war ziemlich hart. Mein ganzes Leben lang war ich noch nie so lange allein zu Hause, die Konversation mit den Menschen hat mir ungemein gefehlt. Es war eine wirklich große Umstellung für mich, und ich muss sagen: Ich habe mich als völlig neue Person kennengelernt! Eine völlig ­andere Rossana. Unglaublich.

Wie dürfen wir das verstehen?
Ich hatte Zeit, zu analysieren, wie wir in unserem Zuhause leben, was wir brauchen und ob wir es tatsächlich auf die bestmögliche Art und Weise bewohnen. Nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch in Bezug auf die Verantwortung. Ich habe mich zum Beispiel mit Haushaltsgeräten beschäftigt und festgestellt, dass wir manchmal völlig falsche Programme verwenden und Wasser und Strom verschwenden. Vor dem Lockdown (oder Blackdown, wie ich es immer nannte) waren wir oberflächlich. Wir haben nicht genug darauf geachtet, und das hat dazu geführt, dass wir sehr oft verschwenderisch waren. Aber die wichtigste Erkenntnis war, dass mir bewusst wurde, dass man mit der Zeit, die man hat, sorgsamer umgehen und in Dinge investieren muss, die in meiner Welt einen großen Unterschied machen ­können. Die Umstellung nach Corona hatte also auch positive Seiten, denn jetzt setze ich meine Prioritäten anders.

Was war der schönste Moment für Sie, als Sie wieder öffnen durften?
Endlich wieder unter Menschen zu sein, ­meine Freunde zu sehen, dort anzuknüpfen, wo wir aufgehört haben. Dieses Momentum war unglaublich inspirierend für mich.

Ihre Galerie ist Andockstation für viele ­Kunstinteressierte – gibt es eine Message, die Sie in Ihrer ­Ausstellung vermitteln wollen?
Es ist sehr wichtig für mich, dass die Menschen die Schönheit in der Kunst erkennen. Und das geht natürlich nicht ohne Emotion. Leider ist die Emotion in der Covid-Phase etwas verloren gegangen, und deshalb haben wir versucht, die Schönheit der neuen Projekte durch ihre Emotion zu transportieren – dafür haben wir auch ein neues Wort kreiert: Emotionability! Die Kapazität, Emotion zu kreieren.

Nach welchen Kriterien suchen Sie für Ihre Galerie die Künstler aus?
Primär steht das Projekt der Künstler im Vordergrund. Die Arbeiten sind wichtig. Aber natürlich auch die Persönlichkeit der Künstler. Und welche Emotion die Arbeiten bei mir auslösen. Dann frage ich mich immer: Wie groß ist das Talent wirklich? Und dann, wie so oft, kommt wieder die Emotion ins Spiel. Die Beziehung wischen den Künstlern und meiner Galerie ist essenziell. Es entsteht sozusagen eine Lovestory, die immer weitergeht.

Wie bei allem im Leben geht es auch im Design um Emotion. Es geht um
Funktion und Qualität. Ehrlichkeit. Um Respekt vor den Künstlern und um einen korrekten Preis.

Rossana Orlandi über Design

Rossana Orlandi über Design

Nachhaltigkeit spielt bei Ihnen eine große ­Rolle – mit Ihrem großartigen internationalen »Guiltless Plastic«-Projekt versuchen Sie, das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf die Umwelt zu verändern. Und mittlerweile wurde dafür heuer auch bereits zum dritten Mal der »Ro Plastic Prize« verliehen …
Wir müssen die Gewohnheiten ändern, um hier nachhaltige Veränderungen voranzu­treiben. Gemeinsam können wir das schaffen, wenn wir alle am selben Strang ziehen. Mit diesem Projekt möchte ich die Designwelt einbeziehen, um gebrauchten Kunststoffen und Abfällen ein neues Leben einzuhauchen und ihre unendlichen Möglichkeiten der Umwandlung kennenzulernen. Ich habe ­bereits sehr viele revolutionäre Ansätze gesehen. Gott sei Dank nehmen die Menschen das Thema sehr ernst.

Das heißt, auch Ihre Künstler übernehmen bei der Produktion von neuen Werken eine große Verantwortung?
Genau, und das ist mir auch sehr wichtig. Ich muss mich auf die Aussage verlassen können, dass es sich wirklich um natürliche, nachhaltige Materialien handelt. Ich nenne es »nach­haltige Verantwortung«, die man als Künstler haben muss. Und da bin ich sehr genau, sehr strikt und lasse mir auch nichts einreden.
Was nicht heißt, dass wir hier in der Galerie ausschließlich nachhaltige Kunstwerke ­haben. Aber selbst dann möchte ich die Produktionsabläufe kennen und mit welchen Materialien hier hantiert wird. Das sind neue Kriterien bei uns. Ich versuche meine Künstler immer mehr zum Recycling zu inspirieren, denn es ist sehr wichtig für mich, die Abfälle produktiv in neuen Produkten verwertet zu wissen. Kurz: Verschwende nicht den Abfall, sondern mach damit Neues! Denn neue Produkte sollen langlebig sein und nicht nur für den Moment produziert werden.

Was macht für Sie gutes Design aus?
Wie bei allem im Leben geht es um die ­Emotion. Die Funktion. Die Qualität. Den Respekt vor den Designern. Es geht um Ehrlichkeit und einen korrekten Preis.

Sie kommen aus der Fashion-Welt, haben am berühmten Marangoni-Institut studiert, produzierten Garne für Strickwaren und hatten ein eigenes Modelabel. Warum haben Sie in das Design-Business gewechselt?
Ich habe in einer tollen Zeit im Fashion-Business begonnen. In einer Zeit, wo viel Inspiration und Kreativität herrschte – ich habe wunderbare Kollektionen von Jean Paul Gaultier, Gianni Versace oder Armani miterleben dürfen. Ich hatte auch ein besonderes Faible für Issey Miyake. In meinen Augen kreierte er Kunst, einzigartig in der Fashion-Geschichte. Dann wurde mir das Business etwas zu schnelllebig, man stampfte wie Maschinen Kollektion um Kollektion aus dem Boden. Es wurde mir zu kommerziell, und darum habe ich vor rund 20 Jahren in das Design-Business gewechselt. Design hat mich von frühester Kindheit an interessiert. Ich hatte das Glück, diesen unglaublichen, schönen Platz hier in der Via Matteo Bandello zu finden. Alles, was ich hier lebe und mache, bin so ich! Es ist so Rossana!

Sie sind eine großartige Gastgeberin. Ihre Dinner in Ihrer Galerie sind legendär. Wenn Sie fünf historische Personen zu diesen Abenden einladen könnten – wer wäre das?
Leonardo da Vinci! So, jetzt kennen Sie mein Ziel (lacht). Er war so ein unglaublicher ­Maler, Künstler, Designer und Architekt. Alles, was er machte, ist für mich Inspiration. Alles, was er machte, tat er mit Emotion und Leidenschaft.

So wie Sie selbst auch sind … Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich bin eine Explosion voller Kreativität! (Lacht.) Spaß beiseite, ja, es stimmt, ich bin ein ­unglaublich leidenschaftlicher Mensch, der, sobald er Feuer für eine Sache gefangen hat, diese auch verfolgt und zu Ende bringt. Ich bin neugierig und liebe die Menschen.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Ich beschwere mich nie. Ich schaue nach vorne, bin positiv. Was auch immer ich mir vornehme: Ich mache es einfach!

Für den LIVING Newsletter anmelden

* Mit Stern gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Anrede

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

JETZT NEU 07/2021