© Thomas Koy

Stilsicher und fantasievoll, detailverliebt und immer wieder überraschend: Das Tempo, mit dem Hanne Willmann die Designwelt mit ihren Ideen und weiblicher Power erobert hat, ist beeindruckend. LIVING traf die Frau der Stunde in ihrem Berliner Studio.

28 . Februar 2020 - By Uwe Killing

In der Nachbarschaft gibt es kleine Läden, orientalische Snacks und viele junge Freiberufler, die ihre ersten Schritte auf dem Pflaster des Berliner Szeneviertels Prenzlauer Berg unternehmen. Dem ist die Berliner De-signerin eigentlich entwachsen. Dekoriert mit etlichen Auszeichnungen (unter anderem German Design Award 2017), ist Hanne Willmann in wenigen Jahren zum Shootingstar des zeitgenössischen Produkt-designs aufgestiegen. LIVING sprach mit der 31-Jährigen, während sie zwischendurch mit ihren Mitarbeiterinnen Clara Felsner und Charlotte Bombel kommunizierte.

LIVING: Es wirkt hier alles sehr aufgeräumt. Wo entstehen Ihre Entwürfe?
Hanne Willmann: Sie meinen das Kreativ-Chaos? Das veranstalten wir oft unten im Kellerraum. Oder es kann auch passieren, dass wir alle Computer vom Tisch räumen und dann zu dritt töpfern, um neue Formen zu finden.

Für eine gefeierte Designerin wirkt Ihr Büro noch immer sehr klein …
Ich gebe zu: Innen- und Außenbild passen nicht mehr so ganz zusammen. Ich wünsche mir zum Beispiel oft einen größeren Be­sprechungstisch. Doch ich zögere noch, mehr Geld in eine Immobilie zu stecken. Ich habe hier vor dreieinhalb Jahren begonnen, zuvor mit einer Praktikantin in meinem Wohnzimmer gearbeitet. Ich komme gut auf kleinem Raum zurecht. Eine Scheu, meine Arbeit darzustellen, kannte ich schon während der Studienzeit nicht. Wenn ich etwas Schönes schaffe, möchte ich auch darüber reden. Zudem hatte ich sicher auch das Glück, dass es im deutschsprachigen Raum immer noch kaum eigenständige weibliche Produkt-Designerinnen gibt, etwa im Vergleich zu Dänemark. Die Medien haben sich von Anfang an stark für mich interessiert.

Sitzen mit Esprit: Hanne Willmanns Lounge-Sessel »Lenz« aus Eschen-Holz für Bartmann – und die Vase (Menu), mit der ihre Karriere begann. bartmannberlin.de© Thomas Wiuf Schwartz

Hat Ihr Design für Sie denn eine feminine Note?
Es ist vor allem sehr clean. Natürlich gibt es Unterschiede, beispielsweise wuchtig und massiv im Gegensatz zu einer feineren Gestaltung. Doch es stört mich, dass einem das Attribut »feminin« meistens dann zugeschrieben wird, wenn der Betrachter weiß, dass es eine Frau gemacht hat. Das möchte ich gerne aufbrechen.

Und wie?
In einem Gespräch mit einem Kunden hörte ich mal den Satz: »Wie wäre es denn, wenn Sie erst mal mit einem Accessoire anfangen?« Da habe ich entgegnet: »Ist das bei Ihnen generell so, dass bei Ihnen die Männer fürs Große zuständig sind und die Frauen die Vasen gestalten?« Ich kann sehr direkt sein, aber mit Humor. 

An der Berliner Universität der Künste, wo Sie ausgebildet wurden, haben Sie auch als Dozentin unterrichtet. Sehen Sie sich als Vorreiterin?
Im Studium habe ich das Hauptseminar »Technologie und Konstruktion« gewählt – eine klare Männerdomäne –, während sich die meisten anderen Studentinnen eher aufs Aktzeichnen gefreut haben. Dabei sind Frauen in dem Bereich bestimmt nicht weniger talentiert. Es geht darum, die Klischees zu ignorieren und sich zu überwinden. Das konnte ich schon als Kind: Sei jetzt kein kleines Mädchen, sondern pack das an.

Wie hat sich Ihr technisches Verständnis gebildet? 
Als Ingenieur für Anlagentechnik hat mein Vater all seine Kinder gleichermaßen gefördert. Wenn meine Brüder mit Legosteinen ihre Schiffe bauten, habe ich mitgemacht, aber auch schon gerne die Kajüten eingerichtet. Meine kunstaffine Mutter wiederum liebte das Restaurieren alter Möbel. Ich habe ihr oft geholfen. Insofern führe ich meine Begabungen für Kunst und Handwerk sowie Technik wohl ganz gut zusammen. 

Es geht darum, die Klischees zu ignorieren und sich zu überwinden. Das konnte ich schon als Kind: Sei jetzt kein kleines Mädchen, sondern pack das an.

Hanne Willmann über Rollenbilder

Sie beschreiben Ihre Design-Philosophie als »Passion for Simplicity«. Wie ist das zu verstehen? 
Ich strebe eine große Klarheit an und setze diese mit viel Leidenschaft im Detail um. Im Idealfall wirken meine Produkte sehr harmonisch, während auf den zweiten Blick dann kleine, positive Irritationen eine Rolle spielen. Und ich habe das Gefühl, dass meine Entwürfe gerade etwas verspielter und auch opulenter werden. 

Woran liegt das? 
Das hat wohl mit meinen Besuchen in Mexiko zu tun. Das erste Mal war ich dort, um in einer Kooperation mit einer Terrakotta-Manufaktur die Geschirr-Serie »La Familia« zu gestalten. Und bei der zweiten Reise mit meinem Mann habe ich dann gespürt, wie sehr mich die Farben dort inspirieren. Anfangs war ich in meinen Entwürfen zurückhaltender und minimalistischer. Doch inzwischen gibt es ein großes Vertrauen, noch mehr das abzurufen, was in mir steckt. Ich werde sicher nicht total wild werden, aber ich sehne mich nach mehr Buntheit – im Design und in meinem Leben. 

Sie präsentieren auf der Kölner Möbelmesse 2020 gleich sechs Neuheiten, etwa für Interlübke und Schramm. Zeigt sich da die Veränderung schon?
Ich denke schon, vor allem bei meiner neuen Leuchte für Favius. Sie besteht aus mundgeblasenem Glas und erinnert etwas an die reflektierenden Glaskugeln, die man früher im Garten aufgestellt hat. So eine emotionale Verbindung zu altem Handwerk gefällt mir, wenn man zugleich fürs Jetzt kreiert. 

Ich strebe eine große Klarheit an und setze diese mit viel Leidenschaft im Detail um. Im Idealfall wirken meine Produkte sehr harmonisch, während auf den zweiten Blick dann kleine, positive Irritationen eine Rolle spielen.

Hanne Willman über ihre Design-Philosophie

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