© Markus Jans

Ein besonderes Gespür für Stoffe und Materialien, gepaart mit eindringlicher Eleganz: Christian Haas zählt zu den herausragenden Designern Europas. In seiner Wahlheimat Portugal erfährt der 46-jährige Deutsche eine neue Wertschätzung des Handwerks

12 . Mai 2020 - By Uwe Killing

Es war Liebe auf den ersten Blick. Vor sechs Jahren reiste Christian Haas nach Porto, um dort Porzellanwerkstätten zu besuchen. Dabei entdeckte er ein Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert, das der gebürtige Franke schließlich als neues Domizil erwarb. Zuvor hatte er mit einem Studio in Paris  sein internationales Renommee als Designer von Leuchten, Porzellan und Möbeln gefestigt. »Paris war schön«, sagt Haas, »aber in Porto habe ich mich auf Anhieb wohlgefühlt.« Das vierstöckige Haus, umgeben von kleinen Haushaltswaren-geschäften und Restaurants, dient Haas als Studio, die oberen zwei Etagen nutzt er als Privaträume. Dort erreichte LIVING den Designer auch telefonisch für ein Gespräch.

Südlicht

Feinsinnig und vielseitig: Christian Haas, geboren 1974 in Erlangen, eröffnete nach seinem Industrie-design-Studium 2000 in München sein eigenes Studio, das sich nach einer Zwischenstation in Paris seit 2014 in Porto befindet. christian-haas.com

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LIVING:Würden Sie sich eher als sesshaft oder als nomadenhaft beschreiben?
Christian Haas: Vor ein paar Jahren hätte ich mich wahrscheinlich noch als Nomade bezeichnet. Ich fühle mich aber in Porto rundum wohl und werde bis auf Weiteres hier bleiben.

Inwieweit entspricht Ihr Haus Ihrem Wohnideal? 
Zu hundert Prozent. Ich brauche bei Einrichtungen immer auch das Gefühl von Improvisation. Möbel und Accessoires dürfen nicht statisch wie ein Korsett sein. Es sollte immer Platz für Veränderung und Adaption geben.

Wir erleben gerade eine intensive Zeit des Rückzugs in die privaten Räume. Wird diese Phase das Interior Design beeinflussen?
Nicht direkt, aber die Wertschätzung für die eigenen vier Wände wird durch diese kollektive Erfahrung sicherlich zunehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Räume individueller und lebenswerter werden und sich das Repräsentative hoffentlich ganz verabschiedet.

Ihr Studio besteht seit 20 Jahren. In diese Zeit. fallen Umzüge von München über Paris nach Porto. Hatten diese Ortswechsel Einfluss auf Ihre Arbeit?
Mein Blick hat sich dank der unterschiedlichen Kulturen, in die ich eingetaucht bin, interna-tionalisiert und sicher erweitert. 

Was war Ihr erstes Design-Produkt, an das Sie sich erinnern?
In meiner Kindheit gab es in Erlangen einen Laden mit skandinavischem Design, in dem
meine Mutter gerne einkaufte. Ich habe ihr beim Aussuchen geholfen. Und ich erinnere mich gut an das »Snowball«-Votiv von Kosta Boda und die »Rosenthal«-Sammelteller von Wiinblad.

Warum haben Sie sich für ein Design-Studium in München entschlossen?
Ich wollte einen kreativen Job ergreifen und auf jeden Fall in Bayern studieren, nahe der
Heimat (lacht). Industrial Design hat mich wegen seiner Vielschichtigkeit gereizt. Hätte ich die Aufnahmeprüfung allerdings nicht bestanden, dann hätte ich es kein zweites Mal probiert. Es fehlte mir damals noch an Selbstvertrauen.

Gab es einen Plan B?
Ja, Landschaftsarchitekt.

Es gibt in Ihren Arbeiten einen starken Bezug zur japanischen Kultur. Woher kommt das?Es war das Schlüsselerlebnis eines fünfmonatigen Praktikums in Nagoya. Der Aufenthalt und die Erfahrungen in Japan haben meinen gestalterischen Horizont extrem erweitert, wenn nicht sogar maßgeblich mitdefiniert.

Was besitzt die japanische Kultur, was uns Mitteleuropäern fehlt?
Präzision und Konsequenz in der Ausfertigung. Und das verrückte Miteinander von Hightech, Banalität und Tradition.

Ihr Design wird oft als »minimalistisch« beschrieben. Das impliziert sofort eine gewisse Kühle. Die sehe ich bei Ihnen nicht. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Ich versuche, meine Arbeiten in ihrer gestalterischen Aussage zu reduzieren, ohne ihnen
die Sinnlichkeit zu nehmen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit und Subtilität wirken außerdem dem Schnelllebigen entgegen. 

Ist es eine Motivation, im Produkt auch die Rohheit von Materialien erfahrbar zu machen? 
Es ist weniger die Rohheit, sondern die Sensibilität eines Materials, die mich reizt. 

Inwieweit hat das neue Nachhaltigkeitsbewusstsein Ihre Arbeit beeinflusst? 
Das ist eigentlich nicht neu für mich, da mir ästhetische und qualitative Langlebigkeit von Materialien schon immer am Herzen lag. Ohne emotionale Bindung zu einem Produkt wird es schnell austauschbar und beliebig. Diese Bindung herzustellen sehe ich als eine meiner Aufgaben. Dabei haben das Industrielle wie das Manufakturhafte ihre Berechtigung. Allerdings wird der Kunde in Zukunft verstärkt wissen wollen, unter welchen Bedin­gungen
für Mensch und Natur ein Produkt gefertigt worden ist. 

Hat sich Ihr Blick auf traditionelles Handwerk verändert? 
Mich interessiert nach wie vor die klassische industrielle Fertigung, aber genauso die unmittelbare Zusammenarbeit mit Handwerkern. Im Großraum Porto gibt es noch viele Schreiner, Metallgießer, Korbflechter, Keramiker oder Steinmetze, die vielerorts leider verschwunden sind. Und diese Handwerkskünstler fordern meine Kreativität heraus. 

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich kenne ein Paar, das sich weit in seinen Achtzigern befindet und eine ansonsten nicht mehr praktizierte Flechttechnik beherrscht. Der Kontakt lief über »Passa ao Futuro«, eine bemerkenswerte, von Astrid Rovisco Suzano und Fatima Durkee gegründete Initiative, die sich um die Katalogisierung dieser Handwerkstechniken bemüht. Ich bin nicht nostalgisch, aber wenn das Know-how erst mal verloren ist, dann ist eine Reanimation recht unwahrscheinlich. In der Diversität und Vielfalt sehe ich generell eine Bereicherung. Und alte Handwerkstechniken sind Teil unserer Kulturgeschichte.

Wie lassen Sie diese Handwerkskunst in Ihrem Design aufgehen?
Ich versuche, ihr im Heute Relevanz zu ver­leihen, indem ich das Material und die Verarbeitungstechnik wirken lasse, ohne das Design zu überfrachten. 

Ihr größter Traum?
Den habe ich mir, ehrlich gesagt, mit dem Umzug nach Portugal schon erfüllt.

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