© Matteo Piazza

Immer mehr Architekten entdecken den Reiz des Dunklen. Traurig? Im Gegenteil! Schwarze Häuser haben eine magische Ausstrahlung von geheimnisvoller Eleganz. Eine kleine Reise in die Finsternis.

07 . April 2018 - By Maik Novotny

 Warum tragen Architekten Schwarz? Diese Frage haben sich schon viele gestellt, und es gibt ebenso viele Antworten. Dass sie es tun, darf aber als Tatsache gelten. Manche Klischees stimmen eben. Doch jetzt scheint ihnen der dunkle Rollkragenpullover nicht mehr zu genügen. Denn immer mehr ihrer Bauten folgen der dunklen Versuchung. Was keineswegs mit einer düsteren Weltsicht zu tun hat. 
Die Liebe zum schwarzen Outfit teilen sich die Architekten mit den Theaterregisseuren, es ist also kein Zufall, dass das Shakespeare-Theater im polnischen Danzig ganz im Düster-Look daherkommt. Wie eine uneinnehmbare Burg aus dunkel gebrannten Ziegeln türmt es sich am Rande der Altstadt auf. Tore, Wehrgänge und Höfe sind zu durchqueren, bis man ins Herz des Theaters gelangt. Dann aber wird alles hell und leicht: Das Dach des Bühnenraums lässt sich komplett öffnen und man sitzt unter freiem Himmel. Schwarz bildet den Rahmen für eine perfekte architektonische Dramaturgie.

»Das Schwarz lässt das Haus zwischen den Baumstämmen fast verschwinden. In der Dämmerung leuchtet das Innere warm und gemütlich durch die Fenster. Perfekte Harmonie mit der Natur.«Casper Mork-Ulnes Architekt über sein »Troll Hus« in Nordkalifornien

Black Magic

Dabei ist Schwarz noch nicht einmal gleich »Schwarz«. Je nach Material und Lichtstimmung kann es grau, anthrazit, warm oder kalt sein oder mit leichten Farbschimmern überraschen. Dies machten sich die Kreativdenker von Tillich Architekten zu eigen, als sie für eine Textilfirma im Norden von München eine neue Zentrale entwarfen: Ein gefalteter und geknickter Quader aus Beton, der mit anthrazitfarbenen Pigmenten behandelt wurde. Wechselndes Wetter und gefinkelte Geometrie machen so die Farbe zum Film: Dunkelgrau, hellgrau – oder doch schwarz?

Schwarz als Camouflage-Technik wiederum zeichnet das Feriendomizil aus, das Architekt Casper Mork-Ulnes in den Wald Nordkaliforniens setzte. Für die Außen-fassade wurde dabei auf skandinavische Techniken zurückgegriffen: Die Bretter aus Douglasienholz wurden mit schwarzem Teer behandelt, eine Methode, mit der seit Jahrhunderten norwegische Stabkirchen wetterfest gemacht werden. So wird das dunkel schattierte Trollhaus nach außen zum Teil des Waldes. Alles andere als sich anpassen will das -Framing House von FORM/Kouichi Kimura Architects: Als geheimnisvolle Black Box, scharfkantig und fast fensterlos, steht es in einem Wohngebiet der japanischen Provinz Shiga. Die Schwärze hat hier etwas Magnetisches, sie ist abweisend und anziehend zugleich. Dramaturgisch perfekt der Eingang: Er führt in einen weißen Tunnel, der das ganze Haus durchstößt und die Wohnräume und eine kleine Kunstgalerie erschließt. Schwarz – das ist Kunst und Rebellion gegen das Gewöhnliche.

Der Schriftzug »we are all mad here« am Eingang des Designhotels »25hours« in Wien kündet von ähnlich aufsässigen Ambitionen. Doch das bliebe nur Marketing-Gag, wenn es nicht durch die Architektur grundiert wäre: Der anspruchslose Klotz aus den 60er-Jahren wurde von BWM Architekten nicht nur mit einem Glaskubus aufgestockt, sondern bekam auch ein völlig neues Gesicht: genau, ein schwarzes. »Eine neue Sichtbarkeit im Stadtbild« erlangt das Gebäude dadurch, so die Architekten. Schwarz schluckt eben nicht nur das Licht. Es strahlt auch aus. Geheimnisvoll und elegant.

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