Polen: Wein statt Wodka

Roman Grad hat auf seinem Weinberg Traminer, Sylvaner, Gutedel, etwas Spätburgunder, Sankt Laurent und DornfelderRoman Grad hat auf seinem Weinberg Traminer, Sylvaner, Gutedel, etwas Spätburgunder, Sankt Laurent und Dornfelder / Foto: beigestellt

Polen hat mehr zu bieten als Bier und Wodka: Der Weinbau wird seit der Anerkennung Polens als Weinland durch die EU im Jahr 2005 vorangetrieben.

Roman Grad steht in seinem kleinen Weinberg und zeigt auf die blauen Schilder an den Rebstöcken: Traminer, Sylvaner, Gutedel und etwas Spätburgunder, Sankt Laurent und Dornfelder zählt er auf. Wir befinden uns in dem Weinberg Julia bei Zielona Góra, dem früheren Grünberg. Rund 1000 Reb­stöcke wachsen auf dem 0,1 Hektar großen Hügel irgendwo im Lebuser Land. Kaufen kann man den Wein nicht. Dafür bräuchte Roman Grad eine Registrierung und eine Konzession, ein kompliziertes und bürokratisches Verfahren – »wie ein TÜV«, sagt Grad, Vorsitzender des Weinbauvereins Zielona Góra. Dazu wären zahlreiche Gebühren zu bezahlen, wenn man professionell Weinbau betreiben möchte.

Neubeginn mit bürokratischen Hürden
Knapp 100 Winzer gibt es inzwischen wieder, auf über 100 Hektar sollen sie 40.000 Liter Wein produzieren. Einst waren es um die 1400 Hektar in der Region. 1826 entstand im damaligen Grünberg mit dem Sekthaus Grempler & Co. sogar die erste deutsche Sektkellerei. Heute ist das ehemalige Grempler-Winzerhaus in ein modernes Palmenhaus in Zielona Góra integriert. Der große Weinberg mit ­perfekter Südausrichtung ist als Touristen­attraktion erhalten. Nur Wein wird aus den Trauben nicht gemacht. Die Touristen und Ein­heimischen dürfen die Trauben in dem »Weinpark« als Tafelobst vernaschen. Wann hier jemals wieder Wein gemacht wird, bleibt offen – von unseren Begleitern vom Deutsch-Polnischen Zentrum für Touristische För­derung erhalten wir lediglich ein Schulter­zucken.

Gute klimatische Bedingungen: Weinberg im Labuser LandDie Entwicklung im polnischen Weinbau ­ändert sich. Im vergangenen Jahr bekamen die Bauern erstmals die Erlaubnis, Weinbau anzumelden. Das Verfahren sei zwar sehr kompliziert und bürokratisch, bemängeln die momentanen Hobby-Winzer, aber die Behörden unterstützen sie dafür mit Kursen und Seminaren. Derzeit entsteht bei Zielona Góra auf 35 Hektar ein professionelles Weinzentrum, eine Art Winzergenossenschaft. Viele der Weinbauern machen mit und werden die Kooperative beliefern. Ein Neubeginn. Größere Projekte bei Krakau und Breslau sind ebenfalls noch nicht dem Entwicklungsstadium entwachsen.

Polnischer Wein: Heute nur noch ein lokales Phänomen
Da die polnischen Weine ohne staat­liche Banderole weder verschickt noch verkauft werden dürfen, hat Marcin Moszkowicz, der ein Geschäft für Weinanbau betreibt, für uns eine Probe von Weinbergen mit solch klingenden Namen wie St. Hedwig, Kinga, Milosz, Cantina, Cosel oder Winiarka organisiert. Wir verkosten einfache Gewächse, vor allem die Weißen sind ohne Kontur. Ein Traminer von Wino Domowe fällt heraus: Wunderschön animierend und sauber kommt er daher, bleibt aber die Ausnahme. Die Roten sind durch die Bank sehr angenehm erdige und fruchtige Picknickweine, die meisten haben einen hohen Dornfelder- und Regent-Anteil, es gibt sogar einen saftigen Zweigelt. Aber wo sind sie geblieben, die weiteren Weine aus Polen? Im 19. Jahrhundert wanderten aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse viele Bewohner Schlesiens aus, Winzer aus Grünberg kamen bis ins Barossa Valley in Australien, wo sie den Weinbau mit aufbauten. So auch Peter Lehmann, ein Topbetrieb, der heute neben Chardonnay und Shiraz mit feinem Riesling seiner ­alten Heimat huldigt.

Die Flaschen der Winzer von Zielona Góra mit Zweigelt, Riesling und Rosen-Wein
Die Flaschen der Winzer von Zielona Góra mit Zweigelt, Riesling und Rosen-Wein

Heute betreiben in Polen die Hobby-Winzer und ihre Familien den Traubenanbau auf Flächen, die kleiner sind als die, auf der innerhalb der Stadtgrenzen Wiens Reben wachsen. Kaum ein Winzer verfügt über fünf Hektar. Kein Wunder, dass es sich beim polnischen Wein im Moment nur um ein lokales Phänomen handelt, auch wenn das Interesse am Weinbau größer wird. Was die Rebsorten betrifft, so hat sich das Bild stark gewandelt. Im 19. Jahrhundert ­wurden neben den Burgundersorten vor allem aus Traminer und Sylvaner die besten Weine gekeltert. Heute findet man eine Vielzahl von Hybriden und Neuzüchtungen in den Wein­gärten, Sorten, die aus den ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten wie Moldavien oder der Ukraine stammen – oder auch aus dem Weinbauort Heppenheim an der Hessischen Bergstraße, wie auf Roman Grads Weinberg Julia auf den blauen Schildern zu lesen ist.

Den vollständigen Artikel mit noch mehr Informationen zur Geschichte und zur gegenwärtigen Situation des polnischen Weinbaus finden Sie im aktuellen Falstaff Nr. 03/2012.


Text von Peter Moser und Nikolas Rechenberg

 

Erstellungsdatum: 18.05.2012

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