Hart arbeiten – Und trotzdem genießen

Heinz HorrmannDer Hotel- und Gastrokritiker Heinz Horrmann wurde schon als bester Hotelautor weltweit geehrt. Fernsehzuschauern ist er unter anderem als Juror der Sendung »Kocharena« bekannt.

Businesshotels sind langweilig wie Dosen­pilze. Lebenskünstler wählen die abgelegene Variante und buchen außerhalb der Metro­polen, wo sich der Umweg lohnt.

Die Périgord-Trüffel duftet himmlisch in der Emul­sion mit geschmortem Ochsenschwanz, im Champagnerglas perlt die Edelcuvée als Aperitif, gefolgt vom 89er Haut-Brion. Mit genüsslicher Freu­­de lehnt sich der Gast zurück, fühlt sich rundum zufrieden. Einen Toast auf die erfolgreiche Geschäftsreise, den abgeschlossenen Vertrag, das neue Netzwerk, okay, dann dieser Genuss als Belohnung in eigener Sache nach der Verhandlung. Ja, harte Arbeit und das Leben in den schönsten Zügen zu genießen, das muss kein Widerspruch sein. Und für Köstlichkeiten der besonderen Art nimmt man gerne auch mal einen Extraweg in Kauf, bucht ein Hotel, das nicht im Zentrum oder im Finanzdistrikt der Metropole seinen Standort hat. Hier eine kulinarische Auswahl von Nord nach Süd, ohne dass in der Reihenfolge eine Wertung liegt.

In Hamburg ist zwar Marktführer Vier Jahreszeiten, ein Fairmont-Hotel, absolute Spitze, aber besonderen, ausgefallenen Genuss bietet das Louis C. Jacob. Das Privathotel von Horst Rahe empfängt seine Gäste im Traditionstrakt an der Elb-Seite der Straße, die von vielen zu den schönsten Europas gezählt wird. Der Nachteil der Lage: Bis ins Zentrum, beispielsweise zum Als­ter-Pavillon, braucht man 25 Mi­nuten. Sei’s drum. Dafür ist man draußen in der Natur, wo sich der hektische Pulsschlag des Business beruhigt hat und Freizeit-Gelassenheit eingekehrt ist. Fasziniert sitzen wir vor den geöffneten Panoramafenstern und erleben die maritime Sinfonie der Fernwehsignale vorbeiziehender großer Schiffe. Eine frische Brise weht von der Elbe herüber. Ein wundervoller Ort zum Abschalten – mit kulinarischem Angebot vom Gourmet-Restaurant bis zur romantischen Weinwirtschaft. Heute kocht Küchenchef Thomas Martin (seit Jahren mit Stern) einen Klassiker des Hauses: bretonische Jakobsmuscheln mit Orangen-Zimt-Schaum; für die ­nötige Geschmacksintensität sorgen ­Pimientos de Padron. Eine unglaubliche Aromafülle, ebenso wie bei der Makrele mit Gazpacho Fumet oder der außergewöhnlichen Gänseleberterrine.

In der einstigen kulinarischen ­Diaspora zwischen Bremen/Hannover und Bielefeld leuchtet heute ein Glanzlicht, das Ritz-Carlton in Wolfsburg, einziges Stadthotel mit einem Drei-Sterne-Restaurant, dem »Aqua«. Küchenstar Sven Elverfelds grandiose Gerichte sind das Ziel von Gourmet-Sternfahrten des guten Geschmacks aus allen Himmelsrichtungen. Tafelspitz vom Müritz-Lamm, bei Niedrigtemperaturen gegartes Ochsenfleisch und Gänseleber mit hauchdünnem Himbeerkrokant sorgen für Begeisterung. Applaus für eine der europäischen Top-Küchen, passend zum überragenden Service im ganzen Hotel an der Autostadt. Wer hätte das erwartet, als Ritz-Carlton die Sensation verkündete, das erste deutsche Hotel der Gruppe ausgerechnet in Wolfsburg zu eröffnen? Die Idee dazu hatte übrigens Europas Manager Nummer eins, Ferdinand Piëch. Heute freuen sich die Genießer über die Investition des VW- und Porsche-Mitbesitzers.

Nur eine knappe Stunde braucht der ICE von Wolfsburg nach Berlin, der einzigen Stadt, wo wir im Zentrum bleiben und bei Chris­tian Lohse im Regent am Gendarmenmarkt schlemmen, im Restaurant »Fischers Fritz«. Der komische Name signalisiert eher Bratheringe und Fischfrikadellen, dabei kocht Lohse auf höchstem Niveau (zwei Sterne). Einmal unbesehen, dass es das teuerste Res­taurant der deutschen Metropole ist, begeistert Lohse auf ganz subtile Weise mit unerwarteten Aha-Erlebnissen: von im Schwefelwasser gegartem Onsen-Ei bis zum sensationellen Hummergericht in mehreren Varianten. Wichtig für alle, die Wein nicht als Getränk, sondern als ein Stück Lebensphilosophie ansehen: die Weinkarte. Mit 500 Positionen gehört sie zu den edelsten in Deutschland.

Ab in den Süden. Auf halber Strecke im »hilligen« (heiligen), stets genussorientierten Köln gruppieren sich die Gourmet-Zentren eine knappe halbe Autostunde auswärts, in Bergisch Gladbach. Zwei mal drei Sterne leuchten über den Schlössern Bensberg und Lerbach (beide Thomas-Althoff-Hotels). Kulinarisch auf einer Höhe, ist Bensberg hoteltechnisch doch die bessere Wahl. Der rheinische Kurfürst Jan Wellem, Connaisseur seiner Zeit, hatte das prächtige Schloss im 17. Jahrhundert gebaut, im Jahr 2000 wurde es wiedereröffnet, als Hotel für Genießer. Joachim Wissler, einer der kreativsten Köche im Lande (drei Sterne), zelebriert eine Ausnahmeküche: ­mutig, frech, mit enormer geschmacklicher Erwei­terung. Der Hasenrücken ist mit Blaumohn-Krokant gratiniert. Nehmen Sie nur mal die Variationen vom Ferkel: Bauch, Karree und Schulter in Liebstöckel-Würze mit Berglinsen, Pfifferlingen und als Verbeugung vor Köln gebratene Flönz (rheinische Blutwurst).

Bestes Hotel in Frankfurt ist der Nassauer Hof in Wiesbaden, 25 Autominuten vom Rhein-Main-Flughafen entfernt. Für ­Genuss steht das Gourmet-Res­taurant, die »Ente«, die – noch ein Superlativ – mit 31 Jahren am längsten von allen deutschen Hotelrestaurants den Michelin-Stern behauptet. 1978 war das Restaurant von Hans-Peter Wodarz, damals noch als »Ente vom Lehel«, eröffnet worden. Ich habe mich ohne förmliche Anmeldung in ein lauschiges Eckchen der herrlichen Blumenterrasse verzogen und die angenehm leichte »Enten«-Küche genossen. Fazit: In jedem Fall eine ehrliche Empfehlung für alle, die klassische Gerichte mo­-dern und frisch interpretiert haben möchten, aber keine Lust verspüren, sich vom Stickstoff-Theater der überzogen modernen Molekularküche nerven zu lassen. Die Crew verzichtet auf schwer belas­tende Gerichte, sondern zaubert, für hei­ße Sommertage geradezu ideal, ­naturbelassene Köstlichkeiten aus dem Meer und von ausgewählten Landhöfen.

Schließlich bietet die Geschäftsreise nach München ein ganz besonderes Nahziel der ­Extraklasse, den Tegernsee. Und dort wurde das Top-Hotel Überfahrt (ebenfalls von Althoff betrieben) nach Komplettrenovierung im neuen, sehr dezen­ten Glanz eröffnet, heute ein idealer Rahmen für Christian Jürgens Küchenzaubereien.
Vom Balkon hat man einen herrlichen Blick auf den romantischen Malerwinkel, den faszinierendsten Flecken am Tegernsee. Das bleibt unvergesslich. »A room with a view«, wie die Amerikaner sagen, ist für den Gast eben doppelt wertvoll. Und dann geht die Liebe, auch die zu einem Hotel, doch durch den Magen. Christian Jürgens, Zwei-Sterne-Koch und hier Küchenchef, gehört zu den kreativsten im Lan­de. Nehmen Sie seine Kar­toffel-Kiste: Ein butterzartes Kartoffelgebilde ummantelt das Gelbe vom Bio-Ei, veredelt mit einer gehörigen Portion Trüffel. Klingt einfach, ist aber eine großartige Aromakombination. Guten Appetit.

von Heinz Horrmann

aus Falstaff Deutschland 01/10

 

Heinz Horrmann speiste im:

Hotel Louis C. Jacob
Elbchaussee 401–403,

22609 Hamburg

T: +49/(0)40/82 25 50
www.hotel-jacob.de

The Ritz-Carlton
Wolfsburg
Parkstraße 1
38440 Wolfsburg
T: +49/(0)5361/60 70 00
www.ritzcarlton.com

The Regent Berlin
Charlottenstraße 49
10117 Berlin
T: +49/(0)30/203 38
www.theregentberlin.com 

Grandhotel
Schloss Bensberg
Kadettenstraße
51429 Bergisch Gladbach
T: +49/(0)2204/42–0
www.schlossbensberg.com

Hotel Nassauer Hof
Kaiser-Friedrich-Platz 3–4
65183 Wiesbaden
T: +49/(0)611/133-0
www.nassauer-hof.de

Seehotel Überfahrt
Überfahrtstraße 10
83700 Rottach-Egern
T: +49/(0)8022/669-0
www.seehotel-ueberfahrt.com