Aus Sättigungsbeilagen geboren
Der Hotel- und Gastrokritiker Heinz Horrmann wurde schon als bester Hotelautor weltweit geehrt. Fernsehzuschauern ist er unter anderem als Juror der Sendung »Kocharena« bekannt.
Ranch-Feeling im Osten. Hinter den weißen Zäunen drängt die Anlage mit roten und weißen Gebäuden im amerikanischen Stil mit Kräutergärten, Orangerie und Poollandschaft ins Bild: das außergewöhnlichste Ferienresort in den neuen Ländern »Zur Bleiche«. Eine Unternehmerfamilie hat mit Herzblut ein Ganzjahreshotel geschaffen, mit Wellness-Konzept und exzellenter Küche. Das elf Hektar große Gelände mit 90 Zimmern und Suiten (teilweise mit eigener Sauna) liegt eine gute Stunde von Berlin entfernt und bietet sich zum Entspannen und Auftanken an. Nicht nur das À-la-carte-Restaurant, auch die Lokale für die Pensionsgäste bieten Genuss. Die Küche erfüllt die Wünsche der Gäste, bevor sie sie ausgesprochen haben. Küchenchef Oliver Heilmeyer erkochte einen Stern und verteidigt ihn seit Jahren.
Das absolute Flaggschiff der Hotellerie im Osten ist fraglos das Taschenbergpalais in Dresden. Das von Kempinski betriebene Grandhotel offeriert 214 Zimmer und 32 Suiten, teilweise mit verschwenderisch viel Platz. Harmonisch ist das Interieur im Einklang mit der barocken Außenfassade. Der Blick aus den Fenstern der Zimmer mit kathedralenhohen Glaspartien zeigt, was Besucher in Dresden so bewundern: den Zwinger, die Semperoper mit Theaterplatz und das edel restaurierte Schloss.
Größte Dichte an Topgastronomie
Zur Top-Klasse gehören inzwischen auch der Fürstenhof in Leipzig und von den neu gebauten Domizilen das Westin (gehört zum Starwood-Konzern) mit dem »Falco«, dem Zwei-Sterne-Genusstempel, dem besten Restaurant in den neuen Bundesländern. Peter Maria Schnurr zaubert eine von Aromen geprägte köstlich leichte Küche, die auch international anerkannt ist, in der Art, wie sie einmal vom französischen Drei-Sterne-Koch Michel Guérard kreiert wurde. Ein Beispiel, das Appetit auf mehr macht, ist der perfekt gebratene St. Pierre mit Paprika-Gelee und Granny-Smith-Schaum plus Feta. Überhaupt hat Leipzig mit weiteren guten Restaurants wie »La Cachette« und »Stadtpfeiffer« (drei Hauben bei Gault Millau) die größte Breite in der kulinarischen Spitze der neuen Bundesländer.
Großartig aufgearbeitet wurde das Traditionshotel Elephant in Weimar. Schon 1542 tauchte der Name auf, später bekam das Hotel sein
en Stellenwert durch Säulen unserer Kultur wie Schiller, Bach, Liszt und natürlich vor allem durch Stammgast Goethe. Vor neun Jahren wurde das Elephant von der American Academy of Hospitality Sciences als erstes Haus in Ostdeutschland ausgezeichnet. Schlichtweg köstlich speist der Gourmet im Hotel Anna Amalia, wo Marcello Fabbri sein kulinarisches Angebot ständig verändert und erweitert.
Wie auch in diesem Gourmettempel war im Osten vieles nur mit und durch Privatinitiativen möglich, so auch in der weißen Stadt am Meer, Heiligendamm, wo der Mann, der für die Wiedergeburt der Legende gesorgt hat, Anno August Jagdfeld, jetzt die Genehmigung bekommen hat, die Herrenhäuser direkt am Strand zu edlen Residenzen auszubauen, eine Zeile direkt am Strand wie eine weiße Perlenkette.
Langer Stillstand in der ehemaligen DDR
Das Resort Fleesensee mit Hotels in allen Sterne- und Preiskategorien entwickelte sich zu einem der beliebtesten Ziele für Golfer. Das gilt auch für das A-Rosa-Resort am Scharmützelsee in Bad Saarow, das nach vielen Namensänderungen und Besitzerwechseln jetzt richtig hochklassig ist. Sehr ordentlich kann man darüber hinaus in der »Weinwirtschaft«, dem schönsten Restaurant des Hotels, speisen, vor allem herrliche Fischgerichte, frische Produkte direkt aus dem See.
Ein Rückblick am Beispiel des einzigen internationalen Paradehotels der damaligen DDR zeigt, dass die Hotellerie und Edelgastronomie nach der Wende erst nach einem längeren Stillstand ihren Höhenflug starteten. Das Bild aus den Tagen des real existierenden Kommunismus vergesse ich nie: So leichtfüßig, als schwebten sie, tänzelten die Ballettmädchen mit ihren weiten, schwingenden Röcken die dreißig Stufen der großen Freitreppe hinunter. Das Licht der Kugelleuchten umschmeichelte die Szene sowie die Elfenbein- und Goldtöne der Säulen und Logen. Ein wundervolles Bild eines schönen Hotels. Es war das letzte Mal, dass das damals noch Ostberliner Grand Hotel vor der Wende den großen Rahmen für die Jahresveranstaltung der Leading Hotels of the World bot.
Nach der Wiedervereinigung wurde aus der »sozialistischen Errungenschaft der DDR«, in der auch der Klassenfeind verwöhnt wurde, ein Hotel im Wettbewerb. »Le Grang«, wie die Hotelbrigade gern sagt, wurde wie alles im damaligen Berlin erst einmal kräftig durchgeschüttelt. Durch das Hin und Her der Treuhandspekulationen litt die Qualität gewaltig, und als schließlich die Groenke-und-Guttmann-Gruppe (Klingbeil) das Hotel erwarb und gegen eine jährliche Summe von 22 Millionen Mark an Maritim verpachtete, waren Service und Wohnkultur auf einem Tiefpunkt angelangt. Auch bei der Vermarktung war viel zu tun, aber in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre entstanden schöne Domizile, wurde der Service besser, und so langsam formte sich ein neuer Komfort im Zuhause fern von daheim. Sowohl im ersten Drittel der 20 Jahre Vereinigung als auch in der aktuellen Bilanz sind in den neuen Bundesländern Leipzig, Dresden, Weimar am besten aufgestellt, während an der Ostseeküste eben nur Heiligendamm die höchste Qualitätsstufe erreicht, aber Rügen und Usedom beispielsweise mit Sylt bis heute nicht konkurrieren können.
Ebenso wenig wie sich die Gastronomie einer Stadt nur über Sterne definiert, sondern auch mit preiswerten ortstypischen und originellen Restaurants glänzt, zeichnen auch nicht allein Edeldomizile das Gesamtbild der Hotellerie und Gastronomie. Eine individuelle, auch hier sehr persönlich geprägte Gruppe im Drei- und Vier-Sterne-Bereich ist dafür ein gutes Beispiel: Im frühen Glauben an die blühenden Landschaften übernahm die Berliner Hotelgruppe Albeck &
Zehden etliche Hotels in den neuen Bundesländern – vom umgebauten ehemaligen FDGB-Ferienheim in Oberdorf bis für den Drei-Sterne-Bereich außergewöhnlich guten Urlaubshotels in Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Zu günstigen Preisen wird vor allem ordentliches Essen serviert, natürlich ohne Sterne-Ambitionen zu entwickeln. Trotz der erfreulichen Aufwärtstendenzen im Osten bleibt es bei der kulinarischen Teilung Deutschlands. »Es gibt in der deutschen Küche traditionell ein Süd-Nord-Gefälle und ein West-Ost-Gefälle«, kommentieren auch heute noch die Tester der großen Guides. Recht haben sie.
von Heinz Horrmann
aus Falstaff Deutschland Nr. 02/2010
Von unserem Kolumnisten beschrieben:
Zur Bleiche Resort & Spa
Bleichestraße 16
03096 Burg im Spreewald
www.hotel-zur-bleiche.de
Kempinski Taschenbergpalais
Taschenberg 1
01067 Dresden
www.kempinski.com/de/dresden
Hotel Fürstenhof
Troendlinring 8
04105 Leipzig
www.hotelfuerstenhofleipzig.com
Hotel Elephant
Markt 19
99423 Weimar
www.hotelelephantweimar.com
The Westin Grand Hotel
Friedrichstraße 158–164
10117 Berlin
www.westingrandberlin.com
A-Rosa Scharmützelsee
Parkallee 1
15526 Bad Saarow
resort.a-rosa.de/scharmuetzelsee
Albeck & Zehden
www.albeck-zehden.de


