Die neuen Helden

NIKOLAS RECHENBERG, ­Berliner Journalist und Autor, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der nationalen und internationalen Wein- und Gastronomieszene.Nikolas Rechenberg, ­Berliner Journalist und Autor, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der nationalen und internationalen Wein- und Gastronomieszene.

Neuer Wein aus alten Schläuchen: Die Neustarts der Weingüter Immich-Batterieberg, Klingenberg, Liebfrauenstift, Dr. Siemens und von Racknitz sind wahre Heldentaten.

Es ist doch immer wieder faszinier­­end, wie altbekannte Marken aus tiefem Dauerschlaf zu neuem ­Leben erweckt werden können. Audi war noch vor nicht allzu langer Zeit mit dem Klischee vom Rentnerauto behaftet, seit den 90er-Jahren wurde mit viel Aufwand ein neues Image aufgebaut. Heute steht die Marke für dynamische Sportlichkeit und effi­ziente Technik.

Bei Weingütern ist das nicht anders. Wenn wir den Namen »Liebfrauenmilch« hören, denken wir sofort an klebrig-süßliche Weine in urigen Verkos­tungsräumen mit verstaubten Holzverkleidungen, an vor sich hin schimmelnde Fasskeller und vor sich hin rostende Traktoren.

Es geht dabei um nichts anderes als darum, den Augiasstall auszumisten – um wahre Heldentaten also. Martin ­Tesch vom gleichnamigen Weingut wäre an dieser Herkulesaufgabe vor 15 Jahren fast verzweifelt, als er im Alter von 29 Jahren das elterliche Weingut an der Nahe übernahm und alles neu machte. Und neu dachte. Sein erster Lohn: Er verlor die Hälfte der Stammkunden, der Markt brach für ihn zusammen. Doch Tesch war sehr schnell wieder auf 100 Prozent, allerdings mit völlig neuer Klientel. Derzeit stellt das Weingut eine der aufregendsten und bes­ten Riesling-Kollektionen im Lande her, seine Marktpräsenz ist so gut wie nie.

Tesch ist kein Einzelfall, es gibt weitere Beispiele. Immich-Batterieberg etwa. Das Weingut lag im Koma, der Keller rottete vor sich hin, der große Name von einst geriet in Vergessenheit. Bis 2009 zwei Investoren kamen und Gernot Kollmann mitbrachten. Der räumte den Keller auf und sanierte die Weinberge. Und fing an, ganz in Ruhe und von der Öffentlichkeit zunächst völlig unbeachtet, sensationelle Weine zu machen.

Die Steillagen des Weinguts Dr. ­Siemens an der Saar / Foto: beigestellt
Die Steillagen des Weinguts Dr. ­Siemens an der Saar

Es sind Moselweine voller ­Energie, spontan und wild. Klar wie Gebirgsbäche ergießen sie sich über den überraschten ­Gaumen. Der Einstiegswein CAI (nach Carl August Immich benannt) ist ein hervorragender Terrassenwein, der Rest der Batterie sind Einzellagenweine von 100 Prozent wurzel­echten Weinbergen: Escheburg, Steffensberg, Ellergrub, Zeppwingert und Bat­terieberg – eine Granate strahlender als die andere.

Auch im Weingut Klingenberg in Franken steht kein Stein mehr auf dem anderen. Das Gut der Stadt Klingenberg wurde von ­Benedikt Baltes (28) und einem chinesischen Investor 2010 übernommen. Weinmacher Baltes kam kreidebleich aus dem Keller zurück, als er ihn zum ersten Mal aufräumte – verständlich, dort war vorher eine Schreinerei untergebracht.

Tilman Queins, der Weinmacher im Weingut Liebfrauenstift / Foto: beigestellt
Tilman Queins, der Weinmacher im Weingut Liebfrauenstift

Baltes will die Klingenberger wieder zu alter Größe zurückführen, den Weinen ihre Ausstrahlung zurückgeben. Und er ist dabei bereits ein gutes Stück vorangekommen. Die ersten Roten aus 2010 sind völlig anders als die alten Klingenberger, sie sind würzig, faszinierend mineralisch, sehr dicht gewebt und haben eine herrliche Komplexität. Das Grosse Gewächs vom Schlossberg hat das Poten­zial für eine große Zukunft.

Zwar gibt es im Prunkstück des Portfolios der Valckenberg-Gruppe, dem Weingut Liebfrauenstift, keine heruntergekommenen Keller, aber das schlechte Image der Liebfrauenmilch wiegt dafür doppelt schwer. Immer noch wird dieser süßliche Wein ins Ausland, vor allem nach Japan, verkauft.

Benedikt Baltes im wohlgeordneten Keller des Weinguts / Foto: Andreas Durst
Benedikt Baltes im wohlgeordneten Keller des Weinguts

Die neuen Weine des hauseigenen Weinguts aus der Lage Liebfrauenstift-Kirchenstück sind aber moderne Vorzeigeweine. Zusammen mit dem lang­jährigen Kellermeister Tilman Queins hat der neue Geschäftsführer Peter Bohn schnelle und tiefe Schnitte gemacht: Drei Weine statt zwölf aus dem Weingut, moderne Retro-Etiketten und professionelles Marketing der Agentur Medienagenten lassen die Weinwelt wieder neugierig werden. Der Inhalt der Flaschen spricht eine kongeniale Sprache: Die einfachen Gutsweine sind ausgezeichnete Terrassenweine, die Lagenweine betonen ihre Eigenständigkeit und zeigen das Terroir. Derzeit sind erst zehn Prozent der riesigen Raumfläche der Gutsgebäude genutzt, 90 Prozent warten darauf, mit neuen Projekten und Ideen gefüllt zu werden.

Gute Stimmung bei Matthias Adams und Luise von Racknitz-Adams / Foto: beigestellt
Gute Stimmung bei Matthias Adams und Luise von Racknitz-Adams

Jochen Siemens, früher Chef­redakteur der »Frankfurter Rundschau« und der Fachzeitschrift »Alles über Wein«, verfolgte das Konzept »Alles muss raus«, nachdem er 2005 ein altes Weingut an der Saar übernommen hatte. Der Austausch des Kellers war schnell erledigt. Die eigentliche Arbeit bestand in der Rekultivierung der Weinberge, die komplett übersäuert und überdüngt waren. 16 Tonnen Kalk und ein enormer Arbeitsaufwand waren nötig, um die Böden zu renaturieren. Heute sind die Reben auf den Steillagen kerngesund und geben klassische Rieslinge wie den animierenden Scivaro, althochdeutsch für Schiefer.
Last, but not least, kommen wir zum Weingut von Racknitz auf dem Disibodenberg. Der Berliner Banker Matthias Adams verliebte sich in Gut und Gutsfrau, räumte sein Konto leer und fing 2003 an der Nahe neu an. Es waren wenige ungepflegte Hektar, der jüngste Traktor stammte aus dem Jahr 1971, und Adams wurde als Quereinsteiger von den Platzhirschen verlacht. Machen wir es kurz: Inzwischen stehen die Reben wie eine Eins auf 18 Hektar, die Gesteinsweine von Schiefer, Vulkan und Kiesel sind erstklassig und die Lagen-Rieslinge Königsfels und Rotenfels herausragen­de Vertreter dieses Terroirs, die ­keine Vergleiche mit den renommierten Namen der Alteingesessenen zu scheuen brauchen.

INFO
www.weingut-tesch.de
www.batterieberg.com
www.liebfrauenstift.com
www.dr-siemens.de
www.weingut-klingenberg.de
www.von-racknitz.com



Text von Nikolas Rechenberg
aus Falstaff Nr. 6/2012